Liebe Gemeindeglieder,
es ist schon ganz gut, wenn man mal Urlaub macht. So habe ich in einer anderen Gemeinde folgende Situation erlebt.
Der Pfarrer begrüßt sehr herzlich am Anfang des Gottesdienstes die Gemeinde und Gäste. Das hat mich persönlich gefreut. Da nimmt jemand wahr, dass "fremde" Gottesdienstbesucher anwesend sind.
Der Gottesdienst ist festlich, der Pfarrer sucht den Blickkontakt zur Gemeinde, spricht verständlich und wirkt authentisch. Ich bin überrascht als er mitteilt, dass es in der Gemeinde die Gewohnheit gibt, sich Lieder zu wünschen, die dann im Gottesdienst gesungen werden. So findet er eine Überleitung zum ersten "Wunsch"-Lied dieses Gottesdienstes.
Nachdenklich fahre ich nach Hause. Nachdenklich bin ich, weil mich schon häufiger Gemeindeglieder angesprochen haben, dass dieses oder jenes Lied schon lange nicht mehr im Gottesdienst gesungen wurde.
So bringe ich diese Idee mit und bitte Sie, sich zu überlegen, welches Lied Sie gern einmal im Gottesdienst singen würden.
Bitte schreiben Sie ihr Wunschlied und ihren Namen auf ein Stück Papier und geben sie es mir z.B. nach dem Gottesdienst oder bei einem Gemeindekreis oder per Mail.... Ich werde dann ihre Wunschlieder in den Gottesdienst einbeziehen. Das Gute an dieser Idee ist, dass so auch mal Lieder gesungen werden, die ich nicht so im Blick habe. Und das ist wertvoll und wichtig.
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Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. |
Von keinem Geringeren als dem Hohepriester Kaiphas stammt diese Aussage. Und wissen Sie was: Der Mann hat Recht - bis heute. Kaiphas habe damals verbrecherische Absichten gehabt, möchten Sie empört einwenden? Ja, vermutlich. Trotzdem sollten wir jetzt nicht über jenen Oberhirten herfallen und uns darüber ereifern, wie viel Leid doch religiöse Führer über ihnen anvertraute Menschen brachten und bringen. Stattdessen bietet es sich an zu ergründen, was Kaiphas mit seinen Worten in Wahrheit gesagt hat. Es waren nämlich nicht einfach Menschenworte. Der Evangelist Johannes macht darauf aufmerksam: "Weil Kaiphas in dem Jahr Hohepriester war, weissagte er." Gottes Worte also, Gottes Heilsplan tat Kaiphas kund - ohne die Tragweite zu ahnen. "Ihr bedenkt nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe."
Nur oberflächlich ging es darum, einen aufmüpfigen Quertreiber zu ermorden, auf dass wieder Ruhe im Volk herrsche, in Wahrheit ging und geht es bis heute darum, dass nicht nur ein Volk, sondern alle Welt, dass also ganz persönlich auch Sie und ich ins Verderben geraten wären, hätte dieser eine sich nicht geopfert, hingeben. Es geschah freiwillig, für uns und zu unserem Heil. Gerade jetzt wäre eine gute Zeit, das gründlich zu bedenken.
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Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! |
Am zweiten Adventssonntag werden die Müden, die Verzagten und die Ungeduldigen angesprochen. Nur wer noch etwas erwartet, wird ungeduldig! Nur wer einen weiten Weg geht, kennt die Müdigkeit und Verzagtheit, von der beim Propheten Jesaja die Rede ist.
"Wankende Knie" angesichts nicht endender Gewalt, Ungerechtigkeit und Friedlosigkeit.
"Müde Hände": wenn wieder zerstört ist, was gerade aufgebaut war.
"Verzagte Herzen": die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.
Alle reden vom Weg und finden ihn doch nicht, den Weg, der wirklich gangbar ist. Und da hinein kündet Jesaja den kommenden Gott an, der schon da ist. "Seht, da ist euer Gott!" Ein merkwürdiges Sehen! Der Kommende lässt sich sehen, obwohl er der Kommende bleibt. Seht, da ist Er, der Blinden die Augen auftat und Tauben die Ohren öffnete, Lahme springen ließ und die Zunge der Stummen löste. In ihm hat sich der "heilige Weg" sichtbar angebahnt. In ihm wird sich "Rache" und "Vergeltung" in helfendes Handeln verwandeln. Eine neue Welt wartet auf uns, in der es keine Ursache mehr gibt für Leid und Schmerz, für Durst und Hunger, keinen Grund mehr, über den anderen herzufallen, selbst in der Kreatur nicht.
Und was hilft uns das? Die Antwort erfährt, wer den "heiligen Weg" jetzt schon betritt. Da machen wir die hilfreiche Erfahrung, dass Vergeben auch jetzt schon wirksamer ist als Vergelten, Heilen mehr Zukunft hat als Rache nehmen. Und der Jubel der Erlösten, die Zukunftsmusik, gibt schon den Ton an.
In diesem Jahr hatten wir in unserer Gemeinde schon einige Taufen und haben noch einige vor uns. Neues Leben beginnt. Kinder werden Glieder der Kirche und damit Kinder Gottes. Das ist wirklich ein großes Geschenk.
Die Aufgabe, die sich für ihre Eltern und Paten aber auch für unsere ganze Gemeinde stellt, ist, dass wir den Kindern helfen müssen, dieses Geschenk auch auszupacken. Die Reichtümer des Glaubens wollen entdeckt und gelebt werden, damit sie nicht zustauben und übersehen werden. In der Taufe wird der Glaube angelegt; damit er aber auch wachsen und gedeihen kann, braucht er tägliche Nahrung: Das ist Gottes Wort und das heilige Abendmahl sowie die Beichte. Daran müssen die Kinder aber herangeführt werden. Glaube will erlebt werden, sonst bleibt er tot.
Gleiches gilt natürlich auch für jeden Einzelnen von uns. Auch unser Glaube braucht die tägliche Nahrung, damit er nicht verhungert. Der Zuspruch der Vergebung, der Trost, der in den Sakramenten liegt, ist Nahrung für unseren Glauben. Gerade dort, wo wir in Anfechtung stehen, wo unser Glaube gefährdet ist, können wir auf den Trost zurückgreifen, der uns in unserer Taufe zugesprochen ist. Seinen Glauben zu leben bedeutet nichts anderes, als sich seiner eigenen Taufe immer wieder zu vergewissern und - mit Luther gesprochen - in seine Taufe zurück zu kriechen.
So erinnert uns jede einzelne Taufe an unsere eigene. Und wir erinnern unsere Kinder immer wieder an ihre Taufe, wenn wir sie mitnehmen in die Kirche und ihnen im Gottesdienst ihren Glauben zum Erlebnis werden lassen.
Denn darin liegt viel Trost und Hoffnung auf das große Ziel: Das ewige Reich Gottes.
Mein wichtigstes und schönstes Wort in dem Predigttext ist "Freude". Deshalb kann ich dem Apostel aus ganzem Herzen zustimmen, wenn er Gott darum bittet, seine Gemeinde mit Freude zu erfüllen. Und es ist keineswegs eine bittere Einschränkung, wenn Paulus von der Freude im Glauben redet. Denn alles andere (außer der Freude in der Liebe) ist doch nur Spaß - kurzweilig, ohne Tragkraft.
Die Freude im Glauben ist die Erfahrung von Geborgenheit, von Angenom-mensein, so wie ich bin, von Gemeinschaft mit Gott und mit anderen, von Frieden als Erfahrung, dass es einen Moment gut ist, wie es ist. Diese Freude kann kein Dauerzustand sein, zu bitter, zu dunkel ist manchmal das Leben, zu oberflächlich und abgelenkt meine Gedanken (denn die Freude braucht Zeit und Ruhe, auch darin unterscheidet sie sich vom Spaß).
Deshalb ist es gut, dass unser Gott nicht nur ein Gott der Freude ist, sondern auch ein Gott der Geduld und des Trostes - und der Hoffnung. Denn in der Hoffnung wurzelt die Freude; beides sind Geschenke des Glaubens und damit der Liebe und Gnade Gottes. Denn alles was wirklich wichtig ist, das kann ich mir nicht selber machen, das darf ich mir schenken lassen. Und auch darüber freue ich mich aus ganzem Herzen. Nicht nur zur Weihnachtszeit.
(von Pfarrvikar Dr. Christoph Barnbrock, September 2005)
Monatsspruch für den September 2005 aus Lukas 12,15
(von Pfarrvikar Dr. Christoph Barnbrock, Juni 2005)
- Monatsspruch für den Juli 2005 aus der Apostelgeschichte 17,27
Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einer Feier eingeladen. Unter den vielen Gästen machen Sie auch einen alten Bekannten aus. Jemanden, mit dem Sie früher viel erlebt haben. Und jetzt fällt Ihnen doch einfach der Name nicht ein: "Na, das ist doch der ... Warum komme ich denn jetzt bloß nicht drauf?"
Viele Menschen versuchen dann, dieser peinlichen Situation zu entkommen, indem sie sich von dem alten Bekannten möglichst entfernt halten. Oder wenn es dann doch zur Begegnung kommt, versuchen sie, das Gespräch so kurz wie möglich zu halten, damit bloß niemand merkt, dass sie den Namen des anderen vergessen haben.
Wer den Namen eines anderen kennt, kann ihm nahe sein. Und wer den Namen eines anderen nicht kennt, geht oftmals auf Distanz zu ihm.
Als der Apostel Paulus in Athen war und dort gepredigt hat, kam er auch an einem Altar vorbei, auf dem die Aufschrift stand: "Dem unbekannten Gott." Die Athener hatten viele Göttinnen und Götter. Und für alle Fälle - damit sich bloß kein Gott beleidigt fühlt - hatten sie auch noch einen Altar für den "unbekannten Gott" gebaut. Das war so etwas wie ein "Joker" für sie - ein Trumpf im Ärmel.
Wenn ich mir vorstelle, wie es damals gewesen ist, dann bin ich überzeugt, dass nicht besonders viele Menschen zum Altar dieses "unbekannten" Gottes gekommen sind. Vielleicht dann, wenn alles andere nicht mehr half. Aber einen Gott anzubeten, dessen Name und dessen Geschichte mit den Menschen keiner kannte, das war doch eher fremd. Um diesen Altar drückte man sich wahrscheinlich doch eher herum.
Paulus gibt dem "unbekannten Gott" bei seiner Predigt einen Namen und erzählt den Athenern von Gottes Geschichte mit den Menschen: Es ist der eine und einzige Gott, der die Welt geschaffen hat und erhält. Er ist er, der seinen Sohn Jesus Christus uns hat nahe sein lassen: Jesus Christus, der auferstanden ist.
Jesus Christus - Jesus, unser Retter. Das ist der Name unseres Gottes. Als einige damals Paulus predigen hörten, sind sie Gott ganz nahe gekommen: Sie haben Glauben an unseren - den einzig wahren - Gott gefunden, weil sie nun seinen Namen und seine Geschichte kannten.
"Keinem von uns ist Gott fern." - Manchmal fällt es schwer, das zu glauben, weil wir Gott nicht sehen und in unserem Leben nur wenig von ihm zu spüren scheinen. Doch Paulus erinnert auch uns an den Namen unseres Gottes und seine gute Geschichte mit uns Menschen. Gott ist so für uns ansprechbar geworden. Wir müssen uns nicht an ihm vorbeidrücken wie um jemanden, dessen Namen wir nicht kennen, sondern wir können mit ihm ins Gespräch eintreten - über all das Gute, was er uns schenkt, aber auch über das, was uns schwer auf der Seele liegt. Denn Gott ist uns nahe.
(von Pfarrer Manfred Holst, März 2005)
Liebe Leserinnen und Leser,
in einer Andacht von Joni Eareckson-Tada*) habe ich Gedanken gefunden, die mich nachdenklich gemacht haben.
Sie schreibt:
"In den ersten Monaten meines Krankenhausaufenthaltes nach meinem Unfall schrie ich einmal eine Freundin, die mich besuchte, an: "Lass mich in Ruhe! Komm bloß nicht noch einmal her!" Und ich entschuldigte mich damit, dass dieser Wutausbruch auf die Medikamente und meine Schmerzen zurückzuführen war. Jedenfalls wollte ich es gern so sehen. Aber in Wirklichkeit war ich voll und ganz verantwortlich.
Als es mir etwas besser ging, gestand ich mir ein, dass ich im tiefsten Grunde gegen Gott rebellierte. Aber wie konnte ich meine Wut an jemanden auslassen, den man nicht sieht? Wie jemanden ans Schienbein treten, der nicht so direkt greifbar war? Da ich Gott nicht zu fassen bekam, hielt ich mich an die Leute, die in meine Nähe kamen. Die Bekannte, die mir immer zu schnell mit frommen Erklärungen kommen wollte, die ungeschickte Schwester, die öfter unvorsichtig mit dem Tablett an mein Bett stieß - sie bekamen mein ganzes Gift zu spüren. Aber eigentlich meinte ich Gott.
Ich entdeckte, dass der allmächtige Gott überraschend verwundbar war: Er ließ sich treffen in den Menschen. Sie sind sein Leib. Wir sind vielleicht nicht in der Lage, Gott direkt zu verletzen, aber wir können die Glieder seines Leibes verletzen, schon durch ein bissiges Wort." (Joni Eareckson-Tada, Zeichen des Himmels. Andachten für jeden Tag des Jahres, S. 111)
Gott ist verwundbar. Gott leidet mit, wenn Menschen Unrecht getan wird. Und wenn wir ausholen und zuschlagen mit Worten oder mit Taten, dann ist es wichtig, sich zu erinnern, dass unser Zorn gegen andere auch Gott trifft.
Gott ist verwundbar..... Die Passionszeit ist auch eine Zeit, in der wir an das Leiden der Menschen denken, dass Menschen verursachen. Wir haben in einem Gottesdienst über das Leiden der Kinder dieser Welt nachgedacht. Wir haben Gott diese Not geklagt und für die Kinder gebetet, die kaum eine Chance haben.
Wir gehen auf die Passion Jesu zu. Jesu Leiden ist das Leiden, das wirklich Sinn und Hoffnung gibt. Denn weil Christus für uns gestorben ist, werden wir nicht mit unserer Schuld verurteilt. Christus vergibt und fängt neu an. Aber das hat ihm sein Leben gekostet.
Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, eine gesegnete Passions- und Osterzeit.
*) Joni Eareckson-Tada
Durch einen tragischen Badeunfall wurde Joni Eareckson-Tada 1967 zur Tetraplegikerin, d.h. sie ist seither vom Hals abwärts gelähmt. Gott hat diese Frau auf wunderbare Weise zum Segen für viele behinderte und verletzte Menschen werden lassen. Der Einfluss, der heute von ihrer Organisation "Joni and Friends" weltweit ausgeht, ist tief berührend.
Seit 37 Jahren sitzt J.E. im Rollstuhl. Sie wurde in einem Interview gefragt:
Wie hältst du das Tag für Tag aus? Woher nimmst Du die Kraft dazu?
J.E.: Auch nach 37 Jahren sehe ich mich nicht als Expertin oder Heldin. Ich wache immer noch jeden Morgen auf und bete: "Herr, mein Gott, ich habe nicht die Kraft für das alles. Ich bin müde. Es ist so hart. Ich weiß noch nicht, wie ich es schaffe bis zum Mittag mit meiner kleinen Energie. Du musst mir die Kraft geben. Ich habe nicht einmal die Kraft fröhlich zu sein, aber Du hast sie. Ich kann das, was von mir erwartet wird, nicht tun, aber ich kann es durch dich, weil Du mir die Kraft dazu gibst."
Während ich so bete, höre ich, dass sich die Haustüre öffnet und ich weiß, dass meine Freundin kommt, um mir beim Aufstehen zu helfen. Sie wäscht mich, zieht mich an und setzt mich in den Rollstuhl; sie putzt meine Zähne, kämmt meine Haare und bereitet mir mein Frühstück zu. Jeden Tag wird mir so neu schmerzlich meine körperliche Schwachheit vor Augen geführt. Gleichzeitig öffnet mich genau das für die Kraft Gottes.
(von Pfarrer Manfred Holst, Dezember 2004)
Kennen Sie, liebe Leserinnen und Leser, dieses alte Adventslied aus dem Jahre 1762 ?
Das Lied steht in unserem Gesangbuch Nr. 408. Es stammt von dem Pfarrer Philipp Friedrich Hiller. Im Jahre 1699 ist Hiller im würtembergischen Mühlhausen (Enz) geboren. Im Jahre 1751 verliert er seine Stimme und braucht seit dieser Zeit ständig einen Vikar. Hiller wird ein bedeutender Dichter. Er hinterlässt viele Kirchenlieder.
Am ersten Advent wird im Gottesdienst die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem verlesen. Hiller nimmt in seinem Lied diese Erzählung auf.
Der König Israels kommt und besucht sein Volk. Jesus Christus wandert mit seinen Jüngern nach Jerusalem. Er reitet in die Stadt Davids, dem politischen und religiösen Zentrum Israels. Die Menschen jubeln und begrüßen Jesus als ihren König.
Hiller bezieht das, was damals kurz vor der Kreuzigung Jesu geschah, auf uns heute und wird sofort sehr persönlich:
"Seele das sind frohe Worte; sprich: Mein König, komm zu mir…"
"... das sind frohe Worte" Gott lässt uns Menschen nicht im Stich. Gott bleibt seiner alten Liebe zum Menschen treu. Er kommt. Aber er kommt nicht als Richter, sondern als Retter und Erlöser.
Hiller wünscht sich die Nähe Gottes. Das Kommen Gottes in Jesus Christus ist ein frohes Wort…. ein Wort, das alles verändert. Unsere geistliche Not verändert sich, wenn Christus da ist. Und das Wort von Christus, die Predigt und das Lesen der Heiligen Schrift trägt ihn zu uns - bis heute.
Der erste Vers wird am Ende zu einem Gebet für uns heute: "Komm zu mir…"
Hiller will sich für Christus öffnen. Er möchte ihm Raum geben in seinem Leben, denn er weiß, wie schnell andere Mächte unser Leben verdunkeln. Er kennt persönliches Leid, er kennt den Tod und den Krieg. Wenn Christus Raum in meinem Leben hat, dann können alle anderen Mächte mein Leben nicht mehr zerstören. Paulus sagt: Nun lebe nicht mehr ich, Christus lebt in mir.
Und noch etwas geschieht, wenn Christus Raum in unserem Leben erhält. Er bringt "Sanftmut" mit. Sanftmut ist die Kraft, freundlich zu bleiben in einer unfreundlichen und kalten Welt. Und diese Sanftmut wird sich auswirken und ausstrahlen auf uns und unser Handeln. Es kann nicht anders sein.
Ich wünsche uns einen gesegneten Advent.
(von Pfarrer Manfred Holst, Juni 2004)
Wir leben mitten in der Europäischen Union. Seit Jahren bekommt das Thema "Europa" immer mehr Gewicht. Vor nun schon einigen Jahren wurde der Euro eingeführt. In diesem Jahr standen die Europawahlen an, die EU-Erweiterung ist beschlossen und wird bald ihre Folgen zeigen.
Aber wie ist es mit den europäischen Kirchen? Ein christlicher Kommentator fragt, "welche Kraft die Kirchen in Europa einbringen?"
Die Kirchen erleben in Europa keine großen Aufbrüche wie in anderen Erdteilen. Besonders in der sog. Dritten Welt bricht das Evangelium mit neuer Kraft hervor. Bibeln und Pfarrer reichen nicht.
Wo sind die europäischen Kirchen mit ihren Positionen? Gibt es einen Impuls, den die europäischen Kirchen setzen können? Gibt es einen Impuls, der die politischen und christlichen Themen aufnimmt und in Beziehung zueinander setzt?
Ich denke, einen besonderen Impuls stellt die sog. "Charta Oecumenica" dar. Am 22.4.2001 wurde in Straßburg von der Konferenz europäischer Kirchen wie von der europäischen Bischofskonferenz diese Charta unterzeichnet. Die Charta Oecumenica formuliert Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa. Die unterzeichnenden Kirchen, zu der auch die SELK gehört, verpflichten sich, nach bestimmten Grundsätzen zu handeln und sich für die Verständigung unter den Kirchen einzusetzen.
Die Charta Oecumenica ist ein wertvolles Dokument.
Zunächst wird deutlich gekennzeichnet, dass die Kirchen noch nicht zu einer kirchlichen Einheit gefunden haben. Daneben steht jedoch die Verpflichtung, einander in Liebe und Achtung zu begegnen und die Einheit der Kirche im Dialog um die Wahrheit zu suchen.
Ebenso wertvoll ist es meines Erachtens, dass die Kirchen deutlich für eine demokratische und liberale Politik Europas eintreten.
Nur einige Aspekte seien hier genannt:
Die Grundwerte müssen geschützt werden, die Gleichberechtigung der Frauen ist zu stärken, die Herrschaft ökumenischer Zwänge ist in Frage zu stellen, die Bewahrung der Schöpfung hat hohe Priorität.
Nicht zuletzt schreiben sich die unterzeichnenden Kirchen einige Thesen in´s eigene Stammbuch:
Religion und Kirche dürfen nicht für nationalistische Zwecke missbraucht werden, aggressiver Nationalismus, der andere Völker unterdrückt, ist zu verwerfen, Angehörigen anderer Religionen muss es erlaubt sein, ihre Religion im Rahmen des Rechtes auszuüben. Ihnen ist mit Wertschätzung zu begegnen.
In diesen hier nur angedeuteten Selbstverpflichtungen sind geistliche Impulse für ein modernes Europas erkennbar und formuliert. Jetzt gilt es für die Kirchen und Gemeinden diese Selbstverpflichtungen auch ernst zu nehmen und sie in ihrem Reden und Handeln zu berücksichtigen.
(von Pfarrer Manfred Holst, Juli 2003)
Ich muss sagen, dass mich diese Überschrift über einem Zeitungsartikel nachdenklich gemacht hat. Der Artikel beschrieb das Leben und die Gefühle eines Mannes, der seine Familie bei der Bahn-Katastrophe in Eschede verloren hat.
Die Verantwortung - ein Wert auf dem Weg ins Nichts.
Der betroffene Mann ist Opfer eines furchtbaren Unfalls. Der Prozess wird eingestellt. Und niemand ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Er stellt fest, dass in unserer Gesellschaft jeder darauf bedacht ist, Verantwortung abzulehnen oder sich herauszureden. Ein Richter fährt alkoholisiert Auto und versucht mit allen Mitteln die Verantwortung zu umgehen. Verächtlich - aber menschlich.
Unter der Leitung eines Vorstandsvorsitzenden werden Milliarden Euro an Vermögenswerten des Betriebes vernichtet - verantwortlich sind andere Faktoren. Arbeiter werden entlassen. Später wird er Aufsichtsratsvorsitzender seines Betriebes. Unverständlich - aber Realität.
Warum sollte bei solchen Vorbildern an der "Spitze" unserer Gesellschaft ein Mitarbeiter der Bahn seine (Mit)Schuld an der Katastrophe von Eschede eingestehen?
Verantwortung - ein Wert auf dem Weg ins Nichts.
Es war bei einer Konfirmandenprüfung vor der Konfirmation. Der Pfarrer legte einen Vers des 1. Petrusbriefes aus. "Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Grund fordert der Hoffnung, die in euch ist."
Er führt dann aus:
"Ich glaube, dass die christliche Gemeinde selten zuvor so dringend herausgefordert war, den Grund ihrer Hoffnung darin zu verantworten, dass sie sich in einfachster Weise wieder zu den zehn Geboten bekennt.
Und wenn dann einer kommt, der dir die Lüge als Notlage nahelegt, so antworte: 'Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten!' Und wenn einer kommt, der dir den Diebstahl als harmlos aufreden will, so antworte den Grund, der in dir ist, indem du schlicht und einfach antwortest: 'Du sollst nicht stehlen!' Und wenn einer kommt, der dir den Ehebruch als den einzigen Ausweg aus deiner Misere einreden will, so antworte schlicht und einfach: 'Du sollst nicht ehebrechen!' Und wenn dir einer einen Mord als politisch sinnvoll einreden will, so halte unerbittlich daran fest und sag ihm: 'Du sollst nicht töten!'
Wenn er dich dann belächeln wird und nach Beweisen für diese Gebote fragt, antworte ebenso schlicht und einfach mit dem 1. Gebot. Es steht geschrieben: 'Ich bin der Herr, dein Gott! Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!' (Christian Möller, Wovon die Kirche lebt, S.33-34).
Verantwortung - ein Wert auf dem Weg ins Nichts.
Ja, in der Verabschiedung Gottes aus dem menschlichen Horizont bleiben wir allein zurück. Nur noch uns selbst verantwortlich. Aber unser Denken und unser Gewissen sind biegbar. Und so entlasten wir uns selbst: "Ich war es nicht allein."
Wir wissen genau, dass es nichts nützt, vor der Verantwortung zu fliehen - und doch tun wir es oft zwanghaft.
Aber vor Gott gibt es kein Versteckspiel. Anwälte können Augen zudrücken und Winkelzüge vorschlagen.
Vor Gott gibt es nur einen Weg der Zukunft hat:
Sich der Verantwortung stellen und Gott bitten: "Ich bin meiner Verantwortung nicht gerecht geworden, Herr. Vergib mir und nimm mich wieder an, so wie Jesus Christus die Schuldigen angenommen hat und für uns gestorben ist. Amen."
(Ansprache von Pfarrer Manfred Holst zur Eröffnung des Jahres der Bibel 2003 in der Wolfhager Stadtkirche am 25.01.2003)
Ich habe mir für die Eröffnung des Jahres der Bibel ein Wort ausgesucht, dass mir schon länger wichtig geworden ist. Der Apostel Paulus sagt gleich am Anfang seines Römerbriefes:
Es sind drei Begriffe, die ich heute hervorheben möchte:
Evangelium - Kraft Gottes - Glaube
Ich habe folgenden Satz irgendwo gelesen: "Das Evangelium verkündigen heißt, dass ein Bettler dem andern sagt, wo man was zu essen bekommt."
Wunderbar ist das gesagt, was die christlichen Kirchen bis zum heutigen Tag tun sollen: Das Evangelium verkündigen - oder mit anderen Worten: von Jesus Christus erzählen, von seinen Worten und Taten, von seinem Leben und Leiden für uns.
Aber in dieser Botschaft steckt auch eine Zumutung: Gott bringt uns eine frohe Botschaft - uns - verlorenen Menschen. Das Evangelium ist nicht zu verstehen ohne diesen Hintergrund: wir sind Bettler - wir brauchen Gottes Rettung und Befreiung von unserer Schuld.
Für Jesus war das klar: Jeder braucht Hilfe. Alle haben sich verlaufen und ihr Ziel verfehlt, nämlich mit sich selbst, mit dem Nächsten und mit Gott in Frieden zu leben. Jeder braucht Gott, der uns geschaffen hat und der uns zurückruft in seinen Frieden.
Sicher - äußerlich gesehen sind wir vielleicht ehrbare Bürger aus Wolfhagen und Umgebung. Aber vor Gott sind wir hungrige Bettler. Wir sind selbst verantwortlich für unseren Zustand. Allein schaffen wir den Weg nicht - wir werden auf dem Weg schwächer und schwächer.
Deshalb: Lasst uns uns gegenseitig in diesem Jahr der Bibel daran erinnern: Komm mit - ich zeige dir, wo es etwas zu essen gibt - komm da hin, wo Gott dich wieder stark macht und dir begegnet.
Allein dafür ist die Kirche da - ihre Gottesdienste mit der Predigt und dem Heiligen.Abendmahl, ihre Kreise und vieles mehr....! Also warum weiter hungern? Warum weiter vor Gott innerlich abgerissen und ohne Hoffnung weitergehen mit den Lasten und dem Unfrieden in unseren Herzen?
Und dann ist in dem Vers von Paulus von der "Kraft Gottes" und dem "Glauben" die Rede. Diese Botschaft von Jesus Christus hat Kraft. Sie ist eine Kraft, weil sie in uns etwas neu macht. Sie schafft Vertrauen und neue Hoffnung: Ich bin zwar ein Bettler vor Gott - aber Gott nimmt mich an und schenkt mir Frieden. Gottes Wort wirkt, was es sagt. Darauf kommt es an. Ich darf mich darauf verlassen. Gott (ent)täuscht mich nicht.
Wenn ER sagt, "Es ist vollbracht. Es ist gut. Dir sind deine Sünden vergeben", dann ist das so. Und damit beginnt schon jetzt ein stückweit "Seligkeit".
Amen.
(Manfred Holst: Gedanken zur neuesten Ausgabe der Zeitschrift des Frauendienstes unserer Kirche "Koralle", Ausgabe Dezember 2002)
Wendepunkte. So lautet der Titel dieser Ausgabe. Wendepunkte. Vieles im Leben kann zu einem Wendepunkt werden: Ein schönes Erlebnis. Eine glückliche Liebe. Aber auch plötzlich eintretende furchtbare Situationen wenden alles: Der Tod des Mannes, des Kindes.
In der Bibel wird häufiger von Menschen erzählt, die auch an Wendepunkten standen. Es wird erzählt, wie Gott in das Leben seines Volkes oder eines Menschen eingreift und alles
verändert:
Abraham ist ein alter Mann. Gott hat noch viel mit ihm vor. Er lässt sich rufen. Wendepunkt seines Lebens. David ist ein junger unbedeutender Hirte ohne große Auszeichnungen. Gott beruft ihn. Wendepunkt eines festgelegten Hirtenlebens.
Das Volk Israel wird versklavt. Keine Chance, der Armut und dem Leiden zu entkommen. Gott schickt Mose. Wendepunkt zu neuem Leben und Land für Israel.
Saulus ist ehrgeizig. Die Sekte der Christen will er niederzwingen. Niemand kann sich ihm auf dem Weg entgegenstellen. Und doch hat er sich verrechnet. Vor Damaskus zeigt ihm Christus, gegen wen er kämpft. Wendepunkt zu einem missionarischen Leben.
In der Bibel stehen unvergessliche Geschichten von Wendepunkten, die mit Gott zu tun haben und in denen sich Gott als Gott erweist.
Viele Geschichten der Bibel erzählen von bedeutenden Wendepunkten im Leben eines Menschen. Und oft ist es so, dass sich mit dem Wendepunkt viel ändert. Altes ist vergangen und abgelegt. Es passt nicht mehr.
Aber wie ist es mit den eher stilleren Wendepunkten? Wie ist es mit meinen Wendepunkten? Hat sich Gott da auch mit seinem Wort eingemischt? Hat er in meinem Leben auch an manchen Wegkreuzungen gestanden und mich auf seinen Weg gebracht?
Ich denke, Gott möchte uns an unseren alltäglichen Wendepunkten begleiten. Das tut er ganz unterschiedlich.
Sein Wort "du sollst nicht..." hinterfragt mich: Was willst du wählen: Gutes oder Böses? Er möchte uns vor falschen Wegen bewahren. Seine Zusage "und ob ich schon wanderte..." trifft auf mich in meinem Zweifel, mich Gott anzuvertrauen: Vergiss es nicht, du gehst nicht allein durch diese Zeit? Sein Wort "Dir sind deine Sünden vergeben" zielt darauf, damit aufzuhören, sich selbst zu verurteilen.
Aber Gott spricht auch durch besondere Situationen zu uns.
Er führt manchmal einen Menschen ganz tief in ein Leiden hinein, um ihn wach zu machen für ihn und für ein Leben im Dienst der Menschen. Er führt manchmal einen Menschen in ein großes Glück hinein, um ihm zu zeigen, wie er sich und seine Gaben an uns verschenkt. Das lang ersehnte eigene Kind, die Versöhnung mit dem Bruder nach vielen Jahren sind wunderbare, glückliche Momente.
Solche Situationen sind Wendepunkte. Es ist nur die Frage, ob mir diese Wende zum Heil wird. Ein Leiden kann verbittern und den Zorn auf Gott vergrößern - oder es kann mich wach rütteln und etwas neu werden lassen in mir. Ein Glück kann mich froh machen über das Leben und Gott, der mich beschenkt - aber es kann auch dazu kommen, dass ich keinen Gedanke darüber verschwende, wer hinter meinem Glück steht.
Wendepunkte!
Gott hat viel zu tun mit uns - gerade an unseren Wendepunkten. Er hat etwas zu sagen, zu schenken, zu verhindern. Und er lässt sich viel einfallen, damit wir ihn hören an den Wendepunkten. Und es ist egal, ob es große oder kleine Lebenswendepunkte sind. Vor Gott sind sie alle wichtig, weil wir ihm wichtig sind.
Ein letzter Wendepunkt ist mir wichtig. Es ist der wichtigste in unserem Leben. Es ist der Wendepunkt vom distanzierten unbeteiligten Zuschauer zu einem Menschen, der sich selbst einsetzt und in der Arena mitläuft. Es ist der Mensch, der auf einmal spürt und weiß:
Es ist ein Unterschied, ob ich sage "Christus ist gestorben" oder ob ich sage "Christus ist für mich gestorben". Das ist die Wende zum Vertrauen - zum Leben mit Christus.
(Manfred Holst: Artikel über das Thema "Umgang mit Schuldgefühlen - sich selbst verzeihen können..." für die Zeitschrift des Diakonisch-Missionarischen Frauendienstes unserer Kirche "Koralle", Ausgabe September 2002)
Stellen Sie sich folgende Geschichte vor:
Frau S. hat Ihren Eltern viel zu verdanken. Als ihre Kinder klein waren, hat die Mutter zugefasst: Mit den Enkelkindern Schularbeiten machen, Einkaufen und Waschen. Ihr Vater war lange Zeit das Taxiunternehmen für die Kinder: Musikschule, Sport, Schulfreunde im Nachbardorf. So konnte Frau S. in ihrem Beruf bleiben. Sie brauchte das Geld. Seit vielen Jahren ist sie alleinerziehend.
Frau S. ist dankbar, solche Eltern zu haben.
Vor fünf Jahren starb der Vater von Frau S.. Ihre Mutter erlitt vor drei Jahren einen leichten Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr richtig erholte. Zunehmend wurde sie schwächer. Frau S. war ratlos. Ihre Mutter konnte nicht mehr allein bleiben. In einem Gespräch ergriff die altgewordene Mutter die Initiative: "Kind, es muss etwas geschehen. In einem Heim bin ich gut versorgt und außerdem hast du mehr als genug zu tun. Es ist besser so...." Frau S. war erleichtert darüber, dass ihre Mutter ihr die schwere Entscheidung abnahm. Und so wurde es beschlossen. Vor einem Jahr starb die Mutter.
Frau S. kommt innerlich jedoch nicht zur Ruhe. Sie denkt oft in Dankbarkeit an ihre Eltern. Aber sie fühlt sich auch schuldig. Sie denkt: "Hätte ich nicht doch die Mutter pflegen können? Es hätte sich vielleicht doch eine Möglichkeit geboten, sie aufzunehmen. Hätte ich doch den Mut gehabt und den Chef richtig gefragt" - aber es ist zu spät.
Frau S. grübelt oft: "Hätte ich nicht doch einen anderen Weg gehen können, um meiner Mutter wenigstens etwas von dem zurückgeben zu können, was sie mir gegeben hat?"
Frau S. ist Christin. Sie weiß und glaubt es, dass Gott Schuld vergibt. Sie hat schon häufiger um Vergebung gebeten. Einerseits glaubt sie, dass ihr ihre Schuld vergeben ist, andererseits lässt sie das Gefühl nicht los, schuldig zu sein. Und manchmal denkt sie eher trotzig: Ich bin gar nicht schuldig. Sie spürt, wie sie darüber reden muss - und sie spürt auch, wie unterschiedlich sich gute Freunde dazu äußern:
Ein Bekannter sagt zu ihr: "Vergiss es langsam - es ist vorbei. Du kannst nichts mehr ändern. Schau nach vorn." Eine Freundin meint: "Du bist nicht schuldig geworden an deiner Mutter. Du bist alleinerziehend, es war nicht möglich für dich, deine Mutter zu pflegen. Die Umstände waren einfach schlecht."
Aber irgendwie helfen Frau S. diese Gedanken nicht. Irgendetwas klagt sie an, sie kann oft schlecht einschlafen.
Was ist passiert im Leben von Frau S.?
Frau S. kommt in ihrem Leben in eine Situation, die sie zu neuen Gedanken und Schritten herausfordert. Es wäre ein Wagnis gewesen, die Mutter aufzunehmen:
Die Mutter bräuchte ein eigenes Zimmer. Was würde aus der Arbeitsstelle? Wie würden die Kinder damit umgehen, dass die Oma mit in der Wohnung leben würde und sie sich etwas einschränken müssten? Hätte sie selbst die Kraft, ihre Mutter zu pflegen?
Frau S. hat bisher viele Herausforderungen angenommen und auch bewältigt. Sie steht mitten im Leben, arbeitet gut und erzieht ihre Kinder - sie ist stolz darauf.
Aber diese Situation kann sie nicht wie gewohnt bewältigen. Ihre Mutter hilft ihr. "Kind, es muss etwas geschehen..... ich gehe ins Seniorenheim."
Aber das hilft Frau S. nicht wirklich. Sie muss damit umgehen, dass etwas in ihr zerbricht. Es ist das eigene innere Bild von sich selbst. Bisher hatte sie sich so gesehen, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen kann. Sie hatte sich immer als jemand gesehen, der schwierigen Situationen nicht auswich. Dieses Mal gelang es ihr nicht. Sie hatte Angst um ihre Zukunft. Und diese Angst war sehr verständlich.
Aber es helfen auch nicht die üblichen Auswege, Schuld zu verdrängen, sie auf die Umstände zu "schieben" oder sich mit Selbstanklagen "selbst zu bestrafen".
Frau S. erahnt das. Sie spürt, dass die Auswege keine sind. Es geht um etwas anderes. Es geht darum, mit sich selbst Frieden zu finden. Es geht darum, sich einer Wahrheit über mich selbst nicht mehr zu verschließen - und diese Wahrheit schmerzt.
Es ist die Wahrheit, dass zu mir auch und gerade die Seiten gehören, die mein mühsam erworbendes Image und mein Bild von mir selbst in Frage stellen.
Ich bin eben nicht nur stark. Ich bin eben nicht nur jemand, der jede Herausforderung bewältigt, sondern auch jemand, der versagt hat. Ich bin auch jemand, der Angst hat. Ich bin auch jemand, der Aggressionen in sich hat. Ich bin eben auch jemand, der mit den Wölfen heult aus Angst, dass ich sonst als Spielverderber dastehe. Ich bin eben auch jemand, der aus Ohnmacht wütend und ungerecht wird....
Diese Wahrheit über mich selbst gilt es annehmen zu lernen. Diese Wahrheit aushalten, ohne dass ich mich selbst verachte und ablehne. Darauf käme es an. Das ist manchmal ein langer Weg.
Wir Christen müssen das genauso lernen wie Menschen, die nicht an Christus glauben. Aber unser Glaube kann uns an dieser Stelle auch Hilfe sein.
Denn Jesus Christus liebt ja nicht ein Idealbild von mir, sondern mich, den ganzen Menschen mit seinen dunklen und hellen Seiten. Ich muss ihm nicht ein geschöntes Bild von mir zeigen und mich dahinter verstecken. Er legt es beiseite und fragt mich: "Wer bist du denn wirklich? Versteck dich nicht mehr - werde ehrlich zu dir und zu mir - ich halte dich und dein wahres Bild schon aus. Ich halte es aus und verachte dich nicht - ich trage dich und vergebe dir."
Ein Christ hat einmal gesagt:
"Jeder Mensch wirft einen Schatten. Es kann sein, dass der Schatten, den du wirfst, für deinen Mitmenschen erquickender ist als aller Glanz deiner Frömmigkeit."
Oder Paulus hört Jesu Wort für sein Leben: "Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig."