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    Rudolf Rocholl
    27. September 1822 - 26. November 1905

    aus dem Gemeindebrief Nr. 36 (Dezember 2011 - Februar 2012), von Walter Löber aus Balhorn


    Rudolf Rocholl Unter den vielen evangelischen Geistlichen, die sich im 19. Jahrhundert in ihren lutherisch geprägten (Landes-)kirchen gegen den vom immer größer und mächtiger werdenden Preußen ausgehenden Unionismus wehrten, gehört Rudolf Rocholl wohl zu den Bekannteren. Er hielt unbeirrt am lutherischen Bekenntnis fest, war ein treuer und unermüdlicher Seelsorger seiner Gemeinden, betätigte sich dann auch wissenschaftlich und literarisch und diente später in kirchenleitenden Ämtern. Für uns im westlichen Nordhessen kommt noch die geografische Nähe hinzu, denn das damals selbstständige Waldeck war seine Heimat.

    Er wurde in Rhoden (heute Diemelstadt) geboren und besuchte in Rhoden und Korbach die Schule. Nach seinem Theologiestudium in Jena und Berlin trat er 1846 eine Hauslehrerstelle in Wien an. Ausgerechnet hier wurde er aufmerksam ge-macht auf bekenntnistreue lutherische Pastoren in Preußen, von denen er einige besuchen konnte.

    1850 übernahm er das Pfarramt im uns vertrauten Sachsenberg. Die Landeskirche in Waldeck bezeichnete sich seit 1821 als uniert, doch hatten die Sachsenberger um einen lutherischen Pastor - so die Bezeichnung im Waldeckschen - gebeten. Ro-choll und andere Waldecker Pastoren glaubten, auch in einer unierten Kirche Lu-theraner sein zu können, was sich aber immer mehr als Irrtum erweisen sollte. 1843 - also lange vor Rocholls Berufung nach Sachsenberg - war der "Waldeck-sche Missionsverein" gegründet worden, dem Rocholl dann 1850 beitrat. Ihm lag nun viel daran, den Konfessionsstand dieses Vereins als lutherisch zu definieren. Mit Gleichgesinnten versuchte er - vergeblich - solches in die Statuten aufzuneh-men. Rocholl und seine Mitstreiter zögerten lange, die Landeskirche zu verlassen, zum Einen in der noch nicht ganz verloren gegangenen Hoffnung auf Anerkennung oder zumindest Duldung des lutherischen Bekenntnisses, zum Anderen aus Angst vor "der Enge der Verhältnisse unter freikirchlichen Rahmenbedingungen".

    In dem Bestreben, möglichst viele Menschen im Waldecker Land und in angren-zenden Regionen Hessens zu erreichen, aber auch in der Hoffnung, damit Einfluss auf die kirchliche Entwicklung seiner Heimat zu nehmen, gab Rocholl ab dem ers-ten Advent 1857 den "Sonntagsboten" heraus, ein wöchentlich erscheinendes Blatt streng lutherischer Prägung. Das ist für Balhorn und Altenstädt auch deshalb inte-ressant, weil der Sonntagbote nach Rocholls Weggang von Waldeck 1861 und nachdem noch zwei andere Waldecker Pastoren nacheinander kurzzeitig Heraus-geber waren, ab 1865 von "unserem" Pfarrer Saul bis kurz vor seinem Tode 1877 herausgegeben wurde. Einige Jahre später ging der Sonntagsbote im heute noch erscheinenden "Kasseler Sonntagsblatt" auf, wo im Impressum noch "Der Sonn-tagsbote, gegr. 1857" vermerkt ist, nicht zu verwechseln mit "Evangelischer Sonn-tagsbote für Kurhessen-Waldeck", im letzten Jahrhundert mit dem Sonntagsblatt verschmolzen und auf dessen Titelseite aufgeführt.

    Von Rocholl ist aus dieser Zeit zu berichten, dass er 1858 an einem Missionsfest der unierten Barmer Mission als lutherischer Christ nicht teilnehmen zu können geglaubt hatte. 1861 kam es dann schließlich doch zum lange nicht gewollten Bruch Rocholls mit der Waldecker Landeskirche. Auslöser war die Einführung eines unierten Geistlichen als zweiten Pfarrer (Diakonus) in Sachsenberg gegen den hef-tigen Widerstand Rocholls. Er ging in die lutherische Landeskirche Hannovers und war zunächst Pastor in Breese (heute Dannenberg). Danach wurde er Superinten-dent in Göttingen. In dem sich in diesen Jahren in Niederhessen entwickelnden Kirchenkampf - ausgelöst durch die Annexion Kurhessens durch Preußen, ver-bunden mit aufgezwungener kirchlicher Anpassung - bekamen die hessischen "Renitenten" aus dem Hannoverschen viele Solidaritätsbekundungen. Rocholl tat im Gottesdienst Fürbitte für seine hessischen Glaubensbrüder.

    Doch auch in der Landeskirche des Hannoverlandes kam es zu konfessionellem Streit. Es ging, noch in der Zeit des Königreichs Hannover, um die Einführung eines anderen Katechismus; später, nach der Einverleibung Hannovers durch Preußen, kamen weitere Streitpunkte hinzu. Rocholl überwand nun sein inneres Widerstre-ben gegen "Freikirchentum" und verließ Hannover (wo dann wenig später auch eine lutherische Freikirche entstand) in Richtung "Altpreußen" in die schon seit Jahrzehnten bestehende "Ev.-luth. (altluth.) Kirche" und war von 1878 bis 1881 Pas-tor in Radevormwald. 1881 wurde er dann in das Leitungsgremium dieser Kirche, das Oberkirchenkollegium in Breslau als Kirchenrat gewählt. Hier übernahm er auch noch ein Gemeindepfarramt und zeitweise die Superintendentur der schlesi-schen Diözese. Auch hielt er Vorlesungen am Theologischen Seminar in Breslau. 1892 schied er auf eigenen Wunsch aus seinem Dienst als Gemeindepfarrer aus, sein Amt als Kirchenrat behielt er bis kurz vor seinem Tode. Er zog nach Düssel-dorf, wo seine Kinder mit ihren Familien wohnten. Von hier aus nahm er noch an Sitzungen in Breslau und Berlin teil. Vor allem konnte er sich nun verstärkt seinen wissenschaftlichen Studien widmen, mit denen er in In- und Ausland Anerken-nung fand. 1893 wurde ihm von der theologischen Fakultät der Universität Erlan-gen die Ehrendoktorwürde verliehen. Er starb 1905 in Düsseldorf.






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    Matthias Claudius
    15. August 1740 - 21. Januar 1815

    aus dem Gemeindebrief Nr. 35 (Oktober - November 2011), von Walter Löber aus Balhorn


    Matthias Claudius "Wir pflügen und wir streuen…" haben wir früher zum Beginn des Erntedankfest- gottesdienstes gesungen. Dieses Lied - in unserem jetzigen Gesangbuch nicht zu finden - beschreibt Gott als den Schöpfer und Erhalter allen Lebens und stammt, ebenso wie das bekannte Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" aus der Feder von Matthias Claudius, aus dessen Leben hier berichtet werden soll.

    Er wurde in Reinfeld (Holstein) geboren, wo sein Vater, aus einem alten Pfarrergeschlecht stammend, als Seelsorger wirkte. Matthias besuchte die Lateinschule in Plön und studierte dann in den Jahren 1759-62 in Jena zunächst Theologie, später Jura und Philosophie. Weil es ihn schon während des Studiums zu Journalismus und literarischer Tätigkeit hinzog, beendete er jenes ohne Abschluss. Den von ihm wohl zum Studienbeginn gehegten Plan, Pfarrer zu werden, musste er fallen lassen u.a. wegen eines Brustleidens.

    Er wohnte dann wieder in Reinfeld und war schriftstellerisch tätig, wobei er 1764/65 noch eine Sekretärstelle in Kopenhagen hatte und ab 1768 Redakteur einer kleinen Hamburger Zeitung war.

    Im Januar 1771 zog Matthias Claudius nach Wandsbeck (Schreibung mit "ck" bis 1879, heute als Wandsbek Stadtteil von Hamburg) und wurde Redakteur der wöchentlich viermal erscheinenden vierseitigen Zeitung "Der Wandsbecker Bothe". Drei Seiten des Blattes waren der Politik gewidmet, die vierte "allerlei gelehrten Sachen" und wurde von Claudius gestaltet. Durch seine journalistische und literarische Arbeit kam er in Kontakt zu den Geistesgrößen seiner Zeit, u.a. zu Goethe, Lessing, Klopstock, Herder, die er als Autoren gewinnen konnte. Trotz ihrer Beliebtheit blieb der Zeitung der wirtschaftliche Erfolg versagt, weshalb ihr Betrieb 1775 eingestellt wurde.

    Claudius blieb zunächst in Wandsbeck und schrieb weiter, teilweise unter dem Pseudonym "Asmus", das er schon benutzt hatte in seiner Zeit als Redakteur des "Bothen". Dabei hatte er u.a. als Asmus einen erdachten Briefwechsel mit seinem ebenfalls erdachten Vetter Andres geführt.

    Durch Vermittlung von Johann Gottfried Herder bekam Claudius 1776 in Darmstadt eine Stelle als "Obercommissarius" bei der Landesverwaltung und war ab Anfang 1777 auch noch Redakteur einer Darmstädter Zeitung. Doch bei beiden Tätigkeiten kam es zunehmend zu Konflikten, sodass er mit seiner Familie Darmstadt bald wieder verließ und wieder in Wandsbeck wohnte und weiter als freier Schriftsteller lebte. Er schrieb teils als "Wandsbecker Bothe", den Namen der Zeitung für sich selbst verwendend, aber auch unter dem schon erwähnten Decknamen "Asmus". Er schrieb über "Gott und die Welt", über Glaube und Bekenntnis, gegen Aufklärung und Vernunftglaube.

    Seine wirtschaftliche Situation war oft angespannt, sodass er nur mit Hilfe und Unterstützung durch Freunde und Gönner für sich und seine Familie genug zum Leben hatte. Das änderte sich, als er ab 1785 einen "Ehrensold" des dänischen Kronprinzen erhielt. Eine weitere Verbesserung brachte Claudius eine auch auf Betreiben des Kronprinzen an ihn vergebene gut bezahlte Revisorenstelle bei der "Schleswig-Holsteinischen Speciesbank" in Altona, wo er bei geringem Zeitaufwand vierteljährlich als Prüfer tätig werden musste.

    Seit 1772 war er mit der Tochter eines in Wandsbeck ansässigen Zimmermeisters verheiratet. Das Paar hatte 12 Kinder, von denen das erstgeborene bald nach der Geburt starb. Eine Tochter starb mit 20 Jahren.

    In seinem Leben gab es noch einmal einen Einschnitt durch die französische Besetzung Hamburgs, die ihn zwang, Wandsbeck zu verlassen, wohin er erst 1814 wieder zurückkehrte. Schon bald danach begannen seine Kräfte zu schwinden und im Januar des nächsten Jahres ging er in Frieden heim.






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    Louis (Ludwig) Harms
    8. Mai 1808 - 14. November 1865

    aus dem Gemeindebrief Nr. 34 (Juni - September 2011), von Walter Löber aus Balhorn


    Louis (Ludwig) Harms Wenn wir an Heidenmission denken, denken wir wohl zuerst an Bleckmar, aber auch an Hermannsburg. Die Hermannsburger Mission war vor der Gründung der Bleckmarer Mission auch "unsere" Mission. Zur Trennung von Hermannsburg und zur Neugründung in Bleckmar kam es im 19. Jahrhundert aus ähnlichen Gründen wie zur Entstehung der Vorgängerkirchen der SELK.

    Der Gründer der Hermannsburger Mission war Louis Harms. Schon vor seinem Wirken für die Ausbreitung des Evangeliums in der Welt und auch weiterhin führten seine gelegentlichen Predigten in seinem Heimatort und dessen Umgebung im Zeitalter des Rationalismus zu Erweckungsbewegungen. Über sein Leben soll hier nun einiges berichtet werden.

    1808 wurde er als zweites von zehn Kindern eines Pfarrers in Walsrode geboren. Seine eigentliche Heimat wurde aber Hermannsburg, wohin sein Vater 1817 versetzt wurde. Dieser unterhielt, um seine große Familie ernähren zu können, nebenher eine Privatschule, wo er seinen hochbegabten Sohn Louis soweit vorbereitet hatte, dass dieser nach nur zwei Jahren Gymnasialzeit in Celle die Hochschulreife erlangte und 1827, gegen seine Neigung, nach dem Willen seines Vaters in Göttingen ein Studium der Theologie begann. Sein Bruder Theodor schrieb über ihn: "Er beschloss, das ganze Gebiet des Wissens zu durchmessen, soweit es möglich wäre." Er war in Naturwissenschaften und Philosophie zu Hause, er beherrschte eine Anzahl neuer und alter Sprachen, er konnte, wie sein Bruder schrieb, "auf griechisch niederschreiben, was ihm auf hebräisch gesagt wurde".

    Der oben erwähnte, seinerzeit auch in theologischen Fakultäten herrschende Rationalismus bewirkte bei Louis Harms während seines Studiums eine tiefe Glaubenskrise. Erst gegen Ende seiner Göttinger Zeit, als er auf den Schriftvers Joh. 17,3 in Jesu hohenpriesterlichem Gebet gestoßen war, fiel es wie ein Feuerstrahl in seine Seele und er kam zum lebendigen Glauben an den Sohn Gottes.

    Nach seinem Examen bekam Louis Harms wie viele Kandidaten jener Zeit zunächst keine Pfarrstelle und wurde, damals nicht unüblich, Hauslehrer und zwar bei den Söhnen eines "Kammerherren" im damaligen Herzogtum Lauenburg. Nebenher verrichtete er dort christliche Liebesdienste an Kranken, besonders eifrig während einer Choleraepidemie, und auch an Gefängnisinsassen.

    Ab und an durfte er in Lauenburg auch predigen, was dort zu einer Erweckungsbewegung führte. Nach Kontaktaufnahme mit der Rheinischen Missionsgesellschaft in Barmen gründete Louis Harms den Lauenburger Missionsverein. Er hielt dann Bibel- und Missionsstunden und rief zu Gaben für die Heidenmission auf.

    1839 ging seine Hauslehrerzeit in Lauenburg zu Ende. Er war dann ein halbes Jahr in Hermannsburg und half seinem Vater, besonders in dessen Privatschule, aber auch im Pfarrdienst. Danach nahm er eine Hauslehrerstelle in Lüneburg an, die er 1843 aufgab, um wieder nach Hermannsburg zu gehen um seinem alten und gesundheitlich angeschlagenen Vater zur Seite zu stehen. Dieser beantragte beim Konsistorium die Einweisung seines Sohnes in die Stellung eines Hilfspredigers, die dann auch erfolgte. Nach dem Tode des Vaters wurde Louis Harms 1849 dessen Nachfolger.

    Schon in seiner Zeit als Hilfsprediger hatte er an die Gründung einer Missionsanstalt gedacht. Bestärkt darin wurde er durch Anregungen von Gemeindegliedern aus Hermannsburg und Umgebung und auch von den Missionsfreunden im Lauenburgischen, wo jetzt sein jüngerer Bruder Theodor als Hauslehrer war. Louis Harms entschloss sich nach vielen Gebeten zu diesem Schritt. Schon seit 1845 hatte er viele Missionsgaben erhalten, die bisher einer in Hamburg ansässigen Missionsgesellschaft zugeflossen waren und nun natürlich der geplanten eigenen Anstalt zugute kommen sollten. Als er die Missionsfreunde in der näheren und weiteren Umgebung von seinen Plänen in Kenntnis setzte, kam von ihm dabei auch gleichzeitig die Bitte (oder Aufforderung?), noch mehr zu geben. Er konnte dann ein noch nicht vollendetes Bauernhaus mit etwa 10 Morgen Land erwerben. Das Haus wurde zum Missionshaus ausgebaut. Nach seiner Einweihung begann Theodor Harms, von seinem Bruder zum Missionsinspektor berufen, mit 12 Schülern den Unterricht.

    Louis Harms blieb, auch bei seinem unermüdlichen Einsatz für die Heidenmission der treue, pflichtbewusste und von Nächstenliebe erfüllte Seelsorger seiner Gemeinde. Außer zu zwei Gottesdiensten an jedem Sonntag kamen Glieder seiner Gemeinde zu ihm ins Pfarrhaus ohne besonders dazu eingeladen zu sein, um "Herrn Pastor" (so die übliche Anrede) noch Fragen, z.B. zur Predigt, zu stellen oder auch über Sorgen und Nöte zu sprechen. Daraus entstand oft eine ungeplante Versammlung oder ein Bibelabend.

    Seine Gesundheit war nicht die beste, schon seit seiner Lauenburger Zeit, als er beim Eislaufen eingebrochen war mit der Folge eines lebenslangen rheumatischen Leidens. Später kam dann noch ein Herzleiden mit Wassersucht hinzu. Er konnte dann nicht mehr zu Fuß zur Kirche gehen und wurde zu den Gottesdiensten auf einem Handwagen hingefahren. Er predigte vor dem Altar auf einem Stuhl sitzend, doch seine Predigten waren kraftvoll und voller Feuer wie eh und je. In 1865 nahmen Krankheit und Schwäche immer mehr zu und, ohne verheiratet gewesen zu sein, starb er im Alter von 57 Jahren.






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    Nikolaus Selnecker
    6. Dezember 1530 - 24. Mai 1592

    aus dem Gemeindebrief Nr. 33 (März - Mai 2011), von Walter Löber aus Balhorn


    Nikolaus Selnecker Von den älteren Gemeindegliedern werden sich vielleicht noch einige daran erinnern, dass vor rund 60 Jahren in den damals noch regelmäßig stattfindenden Lesegottesdiensten zeitweise als Schlussvers das einstrophige Lied "Lass mich dein sein und bleiben" gesungen wurde. Vom Dichter dieses Liedes, Nikolaus Selnecker, haben wir noch einige andere Lieder in unserem Gesangbuch, am bekanntesten ist "Ach bleib bei uns Herr Jesu Christ". Aus seinem wechselvollen, ja fast unsteten Leben soll hier berichtet werden.

    Geboren in Hersbruck kam er schon als Kind in das nahe Nürnberg, wohin sein Vater als Stadtschreiber berufen worden war. Mit zwölf Jahren schon wurde er wegen seiner großen musikalischen Begabung zum Organisten in der Nürnberger Burgkapelle bestellt und konnte sich dadurch ein kleines Einkommen verschaffen.

    Als 18jähriger Gymnasiast wurde er durch einen Pfeilschuss schwer verletzt; man ist geneigt, an heutzutage fast übliche "Amokläufe" zu denken. Nach dem Abitur 1549 ging er nach Wittenberg zum Jurastudium. Dort wurde er von dem mit seinem Vater befreundeten Philipp Melanchthon, der ihn auch in sein Haus aufnahm, für das Studium der Theologie gewonnen. 1554 wurde er Magister der Theologie und hielt nun, ebenfalls in Wittenberg, philosophische und theologische Vorlesungen. 1558 kam Selnecker auf Melanchthons Empfehlung nach Dresden als Hofprediger, Leiter des Hofchores und Prinzenerzieher. Hier in Dresden heiratete er 1559 die Tochter des dortigen Stadtsuperintendenten.

    Selneckers Zeit in Dresden ging 1564 zu Ende. Zum Einen hatte er sich den Unmut des Fürsten zugezogen. Ein Amtsbruder, der ihn vertrat, hatte dem Fürsten wegen rücksichtsloser Treibjagden zur Erntezeit ins Gewissen geredet und Selnecker hatte solches unterstützt. Zum Andern war ein unter den damaligen evangelischen Theologen schwelender Streit in der Abendmahlslehre, schon zwischen Luther und Melanchthon bestehend und zur Spaltung in "lutherische Partei" und "Kryptocalvinisten" (im Volksmund Philppisten genannt) führend, Anlass zu Selneckers Fortgang von Dresden.

    Er nahm einen Ruf nach Jena als Theologieprofessor an die dortige Universität an. Aber auch hier war seines Bleibens nicht lange, denn auch in Jena kam es unter den Theologen zum gleichen Streit wie in Dresden. Selnecker, der vermittelnd eingreifen wollte, wurde von beiden Seiten als Anhänger der jeweils anderen Gruppe angesehen und angegriffen. Er selbst bat um seine Entlassung und wurde nach Leipzig berufen als Professor an der Universität und als Superintendent und Pfarrer an der Thomaskirche, in der sich in der Folgezeit allsonntäglich bei Selneckers Gottesdiensten bis zu 5000 Menschen einfanden.

    In 1570 erwarb er an der Universität Wittenberg den Doktortitel und wurde noch im gleichen Jahr zum Generalsuperintendenten in Braunschweig-Wolfenbüttel ernannt. 1574 kehrte er wieder nach Leipzig zurück und konnte dort nun 15 Jahre als Pfarrer und Professor wirken. In dieser Zeit war er auch als Mitverfasser der Konkordienformel tätig.

    In 1589 wurde er wieder wegen theologischer Streitereien vom reformierten Kanzler aus Sachsen vertrieben. Er folgte dann einer Berufung nach Hildesheim, wo er Superintendent wurde. In den nächsten Jahren unternahm er im Auftrage Kaiser Rudolfs II. mehrere Reisen nach deutschen Städten, um bei jeweils dort aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten um Lehre und Bekenntnis für Klarheit zu sorgen.

    Als er, schon gesundheitlich angeschlagen, im Mai 1592 gebeten wurde, ausgerechnet nach Leipzig als Schlichter zu kommen, weigerte er sich nicht. Die Stadt, in der Selnecker geachtet und verehrt wurde, aus der er aber auch einige Male vertrieben wurde, sollte dann sein Sterbeort werden. Am 24. Mai starb er und wurde von der Thomaskirche aus beerdigt.

    In der Generation nach Luther und Melanchthon war er einer der streitbarsten Theologen, obwohl er von Natur aus friedfertig war und darum oft in die Vermittlerrolle gedrängt wurde. Er blieb aber hart in der Verteidigung von Luthers schriftgemäßer Lehre und verfasste auch viele Schriften. Im folgenden Liedvers bittet er um die rechte Glaubenstreue:


    In dieser schwern betrübten Zeit
    verleih uns, Herr, Beständigkeit,
    dass wir dein Wort und Sakrament
    behalten rein bis an das End.






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    Hermann Bezzel
    18. Mai 1861 - 8. Juni 1917

    aus dem Gemeindebrief Nr. 32 (Dez. 2010 - Febr. 2011), von Walter Löber aus Balhorn


    Hermann Bezzel "So lasset uns halten an dem Bekenntnis, für das unsere Väter landesflüchtig, heimatlos, ehrlos, wehrlos geworden sind; an dem Bekenntnis, in dessen Schatten ich dereinst meinen letzten Seufzer aufgeben will. Es ist nicht ein von Theologen ersonnenes Bekenntnis, sondern das Bekenntnis, das die Gemeinde mit ihrem Herzblut erlebt hat und mit ihrem Herzblut vertreten muss".

    Diese Sätze von Hermann Bezzel kennzeichnen ihn als entschiedenen Lutheraner und Gegner aller unionistischen Bestrebungen. Von seinem Leben und seinem Wirken soll hier berichtet werden.

    Als Pfarrerssohn im heute zur mittelfränkischen Stadt Gunzenhausen gehörenden Ort Wald geboren und mit elf Geschwistern aufgewachsen, besuchte Hermann Bezzel das Gymnasium in Ansbach und studierte ab 1879 in Erlangen Theologie und Sprachen. Er wurde dann Lehrer an einem Gymnasium in Regensburg und etwas später auch noch Inspektor am dazugehörenden Schülerheim (zu jener Zeit "Alumnat" genannt). Diese Einrichtung hatte infolge sittlicher Verwahrlosung viel an Ansehen verloren und hatte bei Bezzels Übernahme der Leitung nur noch neun "Zöglinge". Mit Bezzel änderte sich solches schlagartig. Er führte wieder Zucht und Ordnung ein, aber auch, und vor allem, christliche Lebensführung mit Morgen- und Abendgebet und mancherlei Beistand in geistlichen und seelischen Nöten. Der junge Inspektor verbrachte aber auch frohe Stunden in der Freizeit mit seinen Schülern beim Baden, Schlittschuhlaufen und Wandern. Nach wenigen Jahren war die Zahl der Schüler im Heim auf über 50 gestiegen.

    Im Jahre 1891 erreichte ihn ein Ruf aus Neuendettelsau, die Leitung der dortigen Diakonissenanstalt zu übernehmen. Hermann Bezzel folgte diesem Ruf und wurde der Nachfolger des Nachfolgers Wilhelm Löhes, des Gründers dieses Werkes. (Gemeindebrief Nr. 12, Sept.-Nov.05) Für Bezzel war dieser Schritt aber auch ein gewisses Wagnis, denn die Diakonissen und sonstigen dort lebenden Menschen waren zum großen Teil älter als er und schon länger dort. Viele waren schon seit Löhes Zeit dort und von dessen Art und Wesen geprägt. Doch dem nach Erneuerung strebenden jungen Rektor gelang es, Tradition und Fortschritt, Bewährtes und Neues zum Nutzen der Anstalt und ihrer Bewohner zusammen wirken zu lassen. Unter seiner Leitung wuchs das Werk stetig. Bezzel war bedeutend und weitblickend als Leiter und Organisator, größer aber noch als Prediger, Lehrer und Seelsorger. Seine Gottesdienste und besonders die Predigten wurden oft lobend erwähnt.

    Bezzels Zeit in Neuendettelsau, mit 18 Jahren die längste der drei beruflichen Perioden seines Lebens, ging 1909 zu Ende durch seine Berufung zum Präsidenten des Königlichen Oberkonsistoriums in München und damit zur Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. In München litt er zunächst unter einer gewissen Vereinsamung. Er hatte keine bekannten und vertrauten Gesichter um sich. Da überwand er seine Abneigung gegen das Reisen und fuhr hinaus ins Land zu den Pfarrern und Gemeinden, was dort ein positives Echo hervorrief. Man fühlte sich nicht mehr "vom grünen Tisch aus" regiert und suchte und fand Rat und Hilfe beim Präsidenten. Dem gefiel dieser Titel nicht besonders, er wäre lieber Bischof gewesen. Er wurde auch noch in den Adelsstand erhoben und Mitglied der Kammer der Reichsräte. Über Bayerns Grenzen hinaus wurde er in gemeinsamen Gremien der evangelischen Landeskirchen - die EKD gab es ja noch nicht - in leitende Ämter gewählt. Später war er dann faktisch der Führer des Luthertums innerhalb und außerhalb Deutschlands.

    Bei allen Aufgaben in Leitung und Organisation diente er auch weiterhin so oft er konnte seinen Mitmenschen mit Seelsorge und Predigt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges half er aus in den Gemeinden eingezogener junger Amtsbrüder. Er unternahm aber auch zweimal eine Reise an die Kriegsschauplätze, hielt dort Gottesdienste und besuchte Lazarette. Nach der Rückkehr von der zweiten Reise brach er zusammen und erholte sich nicht wieder. Nach monatelangem Krankenlager starb er 56jährig und wurde in seinem Heimatort Wald beigesetzt.






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    Ernst Moritz Arndt
    26. Dezember 1769 - 29. Januar 1860

    aus dem Gemeindebrief Nr. 31 (Oktober - November 2010), von Walter Löber aus Balhorn


    Ich weiß, woran ich glaube,
    ich weiß, was fest besteht,
    wenn alles hier im Staube
    wie Sand und Staub verweht.

    Ernst Moritz Arndt Dies sind die Anfangszeilen eines Liedes, in welchem der Inhalt des christlichen Glaubens beschrieben und gepriesen wird. Als ich im Gesangbuch unter dem Text den Namen des Liederdichters las, war ich doch etwas verwundert, denn E.M. Arndt ist doch bekannt als der Dichter der Freiheitskriege (1813-1815). Als ich mich dann mit seiner Lebensgeschichte befasste, erkannte ich, dass sein Va-terland und die Freiheit der Bürger für ihn zwar einen hohen Stellenwert hat-ten, besonders in der Mitte seines Lebens, dieses ihm aber nicht alles bedeutete. Schon in seiner Kindheit hatte seine Mutter ihm und seinen acht Geschwistern die Bibel nahe gebracht, was E.M. Arndt für sein Leben prägte.

    Er war in Groß Schoritz auf der Insel Rügen geboren, wo sein Vater Gutspächter war. Der mehrmalige Wechsel des Pachtgutes brachte dann jedes Mal einen Wohnortwechsel mit sich. So zog die Familie 1776 und 1780 jeweils auf ein ande-res Gut auf Rügen und 1787 für längere Zeit auf das pommersche Festland nach Löbnitz, ebenfalls auf ein Gut. Dieser Teil Pommerns stand ebenso wie die Insel Rügen zu jener Zeit (bis 1815) unter schwedischer Herrschaft.

    Unterrichtet wurde E.M. Arndt zunächst von seinen Eltern und dann von Haus-lehrern, bevor er ab 1787 das Gymnasium in Stralsund besuchte. Er studierte dann Theologie in Greifswald und Jena und legte 1796 sein Examen ab. Arndt war dann Hauslehrer in einem Pfarrhaus auf Rügen und entschloss sich hier, keine kirchliche Laufbahn einzuschlagen. Im Mai 1798 brach er zu einer großen Bildungsreise durch Deutschland und Europa auf, von der er im Oktober 1799 nach Löbnitz zurückkehrte. 1800 legte er seine Magisterprüfung an der philoso-phischen Fakultät der Universität Greifswald ab. In Greifswald heiratete er auch im Februar 1801. Seine Frau starb aber noch im gleichen Jahr an Kindbettfieber.

    Ab Dezember 1801 war Arndt Dozent an der Universität Greifswald. Von Novem-ber 1803 bis September 1804 unternahm er eine Schwedenreise und setzte dann seine Lehrtätigkeit fort. Im April 1806 wurde er zum Professor ernannt. Noch im gleichen Jahr ging er erneut nach Schweden. Es war allerdings mehr eine Flucht, denn in Mitteleuropa dehnte Napoleon seinen Machtbereich immer weiter aus, und Arndt, bekannt als dessen Gegner, musste um sein Leben, zumindest aber um seine Freiheit fürchten.

    Bis 1809 blieb er in Schweden. In diesen drei Jahren entdeckte Arndt neu den christlichen Glauben, hier dichtete er auch einen Teil seiner Lieder. Weil es in Schweden zu einem politischen Umsturz kam, musste er das Land verlassen. Er hielt sich zunächst unter einem Decknamen in Pommern auf und ging dann nach Berlin. Im Mai 1810, als Napoleons Truppen weitergezogen waren und Pommern verlassen hatten, nahm Arndt seine Lehrtätigkeit in Greifswald wie-der auf, die er allerdings im Oktober 1811 wegen Meinungsverschiedenheiten mit den herrschenden Kräften der Universität beendete. Er reiste dann nach Russ-land, wo er an der Seite des zum Berater des Zaren berufenen Freiherrn vom Stein journalistisch und literarisch für die Freiheitskriege wirkte.

    Im Sept. 1817 heiratete er in Berlin seine zweite Frau, im Oktober erfolgte der Umzug nach Bonn, wo ihm an der neugegründeten preußischen Universität eine Professur in Aussicht gestellt wurde. Bis zum Beginn seiner Vorlesungstätigkeit im August 1818 gab Arndt dann im Bemühen um ein besseres Gesangbuch für seine Bonner Kirchengemeinde, in der er sich sehr engagierte, die Schrift "Von dem Wort und dem Kirchenliede" heraus. Im Anhang dieser Schrift standen 33 von ihm verfasste Lieder, von denen 20 erst in letzter Zeit entstanden waren. Die anderen 13 hatte Arndt schon während seines zweiten Schwedenaufenthal-tes geschrieben und schon in seinem "Gebetsbuch für zwey fromme Kinder" veröffentlicht. Arndt wird auch als "ein Erneuerer des evangelischen Kirchenlie-des im 19. Jahrhundert" bezeichnet. In unserem Gesangbuch finden wir zwei Lieder, die beide nicht selten in unseren Gottesdiensten gesungen werden. Im renitenten Gesangbuch stehen diese beide nicht, dafür aber zwei andere von ihm, die aber meines Wissens in Balhorn nicht gesungen wurden. Fünf Lieder von Arndt enthält die Große Missionsharfe, darunter das bekannte Kinder-Weihnachtslied "Du lieber heil'ger, frommer Christ".

    Arndt erhielt schon nach 15 Monaten an der Bonner Universität aus politischen Gründen ein Vorlesungsverbot, das dann 20 Jahre gelten sollte. 1840 konnte er seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen und wurde dann gleich zum Rektor ge-wählt. Er war 1848/49 Abgeordneter der Deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und hielt noch bis 1854 Vorlesungen an der Universität. Kurz nach seinem 90. Geburtstag an Weihnachten 1859 starb er im Januar 1860.






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    Fritz von Bodelschwingh
    14. August 1877 - 4. Januar 1946

    aus dem Gemeindebrief Nr. 30 (Juni - September 2010), von Walter Löber aus Balhorn


    Fritz von Bodelschwingh Fritz von Bodelschwingh übernahm, wie es seines Vaters Wille war, nach dessen Tode 1910 die schwere Aufgabe, die Betheler Anstalten weiterzuführen. Seine eigenen geheimen Wünsche für seine berufliche Zukunft - entweder Lehrer der Theologie oder Heidenmissionar - hatte er schon lange begraben. Er war in Bethel geboren und aufgewachsen, epileptische Kinder waren seine Spielgefährten und Mitkonfirmanden gewesen. Schon als Kind und Jugendlicher hatte er seinen Vater bei dessen Wirken erleben können und war mit dem vielfältigen Anstaltsgetriebe bestens vertraut. Nach seinem Theologiestudium war er dann Mitarbeiter seines Vaters.
    Unter dessen Leitung war Bethel ständig gewachsen, sowohl in der äußeren Ausdehnung als auch in der Zahl der Arbeitsfelder. So war zur Pflege und zur sonstigen Hilfe in äußeren und inneren Nöten für kranke, behinderte, benachteiligte Menschen die Ausbildung zu Diakon, Schwester, Pfarrer oder Missionar dazugekommen. Solches Wachstum setzte sich auch unter Fritz von Bodelschwingh fort.
    Allerdings wurde seine Lebensarbeit nicht unerheblich von der geschichtlichen Entwicklung in Deutschland und der Welt beeinflusst. Der Erste Weltkrieg brachte viele Einschränkungen und Nöte. In Bethel wurden 30 Lazarettstationen mit 2200 Betten eingerichtet. Obwohl nun viele Ärzte und Pfleger nötig waren, wurden solche noch zum Kriegsdienst eingezogen. In den letzten Kriegsjahren stellte sich dann auch wirtschaftliche Not ein, die auch in den Inflationsjahren nach dem Kriege anhielt. Wie Fritz von Bodelschwingh Bethel durch diese Zeit hindurch gebracht hat, das wusste er später selbst nicht zu sagen. Die Unterstützung durch Freunde Bethels aus aller Welt, die z.T. schon seinem Vater finanziell geholfen hatten, trug wesentlich dazu bei, dass das Werk nicht wirtschaftlich unterging.
    Die politische Entwicklung in Deutschland ab 1933 brachte für Fritz von Bodelschwingh neue Herausforderungen. Die nationalsozialistische Regierung,der viele führende Persönlichkeiten der Kirchen nicht ablehnend gegenüberstanden, strebte eine evangelische Einheitskirche an und schuf das Amt des Reichsbischofs, in das die Landeskirchen Bodelschwingh wählten, von dem allerdings die Äußerung kam, er würde lieber Reichsdiakon genannt werden. Zunehmender politischer Druck und die Gegnerschaft der "Deutschen Christen", einer von den Nationalsozialisten geförderten Bewegung in der evangelischen Kirche, veranlassten Fritz von Bodelschwingh 1936, vom Amt zurückzutreten. Viele Geistliche, leitende und sonstige, kamen aber in den nächsten Jahren noch zu Gespräch und Beratung nach Bethel. Der heimliche Bischof wurde er genannt.
    1940 erhielt Bodelschwingh Kenntnis von der andernorts im Reich schon angelaufenen Aktion gegen "lebensunwertes Leben". Für etwa eine Million Pfleglinge in den Heil- und Pflegeanstalten würde das die Tötung bedeuten. Sogleich begann Fritz von Bodelschwingh dagegen anzukämpfen. Er fuhr nach Berlin und ging von Amtszimmer zu Amtszimmer und fand zunächst kein Gehör. In Bethel lagen dann auch eines Tages die Meldebögen auf dem Tisch. Bodelschwingh ließ sie nicht ausfüllen und übernahm dafür die alleinige Verantwortung. In was für eine tödliche Gefahr er sich damit gebracht hatte, wurde ihm erst später bewusst. Der gegen ihn erlassene Haftbefehl wurde wieder aufgehoben. Wäre er in ein Konzentrationslager gekommen, wäre das sicher das Ende Bethels gewesen.
    In der Folge kamen staatliche Ärztekommissionen zu ihm, um ihn - vergeblich - zum Einlenken zu bringen. Auch der Leibarzt Hitlers, Dr. Brandt, wurde nach Bethel beordert, um mit Bodelschwingh zu verhandeln. In einer dreistündigen Unterredung der beiden Männer wurde die Auseinandersetzung über die Euthanasie zu einem seelsorgerlichen Gespräch. Bodelschwingh erreichte schließlich, dass Betehls Pfleglinge verschont blieben.
    In den folgenden weiteren Kriegsjahren kamen dann doch noch Not und Tod nach Bethel: 11 feindliche Luftangriffe brachten 26 Menschen den Tod und machten über 1000 obdachlos.
    Gleich nach Kriegsende bemühte sich Fritz von Bodelschwingh um den Wiederaufbau der von der Zerstörung betroffenen Häuser der Anstalt. Doch sein jahrzehntelanger unermüdlicher Einsatz hatte seine Kräfte schwinden lassen. In der Weihnachtszeit 1945 spürte er, dass es mit ihm bald zu Ende gehen würde. Trotzdem hielt er noch die Christvesper. Am 4. Januar 1946 ging er in Frieden heim. Unter Weihnachtsbäumen wurde er aufgebahrt.






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    Friedrich von Bodelschwingh
    6. März 1831 - 2. April 1910

    aus dem Gemeindebrief Nr. 29 (März - Mai 2010), von Walter Löber aus Balhorn


    Friedrich von Bodelschwingh Wenn man den Namen Bodelschwingh hört oder liest, denkt man an Bethel und umgekehrt. Friedrich von Bodelschwingh übernahm 1872 die Leitung der fünf Jahre zuvor auf einem Hof bei Bielefeld begonnen Arbeit an epileptischen Kindern und Jugendlichen und auch die Leitung des ebenfalls dort angesiedelten Schwesternhauses.

    Hier fand der 41jährige seine Lebensaufgabe, nachdem er bis dahin an vielen Orten gewohnt, gelebt, gelernt und gearbeitet hatte. Geboren war er in Tecklenburg, westlich von Osnabrück, wo sein Vater Landrat war, dessen weitere berufliche Stationen über Köln, Trier, Koblenz schließlich nach Berlin führten, wo der Vater 1842 zum preußischen Finanzminister berufen worden war. Der junge Gymnasiast sah hier in der großen Stadt schon bald auch Not und Elend bei Teilen der Bevölkerung und ihm wurde bewusst, dass viele soziale Probleme darauf warteten, gelöst zu werden.

    Er verließ Berlin noch einmal, um sein letztes Schuljahr in Dortmund zu verbringen und dort mit dem Abitur abzuschließen. Er entschloss sich dann zu einer landwirtschaftlichen Ausbildung auf einer Domäne im Oderbruch. Er erledigte alle praktischen Arbeiten, war aber auch bemüht, sich möglichst viel betriebswirtschaftliches Wissen anzueignen. Nach Militärdienst und kurzem Jurastudium ging er als Inspektor auf ein Gut in Hinterpommern. Hier, wie auch schon während seiner Tätigkeit im Oderbruch, war Bodelschwingh darauf bedacht, armen Mitmenschen, besonders auch den Tagelöhnern, in äußerer und innerer Not zu helfen.

    Zwei Erlebnisse gaben dann seinem Lebensweg eine andere Richtung. Zum einen das Lesen einer Missionsschrift, zum anderen ein Missionsfest, an dem er zufällig vorbeikam und noch einen Teil der Predigt hörte. Sowohl in der Missionsschrift als auch in der Predigt wurde eindringlich dazu aufgerufen, sich in den Dienst der Mission zu stellen und den Heiden in fernen Ländern das Evangelium zu bringen. Nach dem Einbringen der Ernte gab er seinen Dienst auf dem Gut auf und begann in Basel das Studium der Theologie. Später studierte er ein Semester in Erlangen und dann noch länger in Berlin. Hier leistete er, neben dem Studium, Dienst am Nächsten, besonders durch Pflege im Lazarett. Während eines sechswöchigen Seminarkurses in Erfurt kümmerte er sich dort um Bettler und Obdachlose.

    Bodelschwingh bestand 1857 in Münster das erste theologische Examen und hätte nun eigentlich mit der unmittelbaren Vorbereitung für den Missionsdienst beginnen können, aber in der letzten Zeit seines Studiums waren ihm erhebliche Zweifel an seiner Eignung dafür gekommen. So folgte er einem Ruf nach Paris, um dort Kinder deutscher Arbeiter zu unterrichten. Er mietete zwei kleine Zimmer in einem großen Mietshaus und begann mit dem Unterricht und auch mit christlicher Unterweisung, die für viele der Kinder etwas Neues war. Über die Kinder erreichte er auch die Eltern und allein schon die Muttersprache in der fremden großen Stadt verschaffte ihm Zugang zu den Herzen. Bodelschwingh konnte dann mit Hilfe von Freunden in Deutschland ein schlichtes Pfarrhaus mit Unterrichtsräumen und auch noch ein Kirchlein bauen. Paris schien ihm das Feld für seine Lebensarbeit zu werden. Eine Berufung als Gesandtschaftsprediger in Istanbul lehnte er ab. Doch 1864 musste er wegen der geschwächten Gesundheit seiner Frau, mit der er seit 1861 verheiratet war, seine Arbeit in Paris aufgeben. Als er einen Nachfolger gefunden hatte, zog er nach Westfalen, wo er in Dellwig die vakante Pfarrstelle übernahm. Hier lebten die Eheleute froh und glücklich und konnten sich am Wachsen und Gedeihen ihrer vier Kinder erfreuen. Doch 1869 mussten die Eltern alle ihre vier Kinder innerhalb von 14 Tagen an Diphterie dahinsterben sehen. Das war für die Eltern eine schwere Prüfung. In den nächsten acht Jahren bekamen sie zu ihrer Freude weitere vier Kinder.

    1872 erreichte Bodelschwingh dann, wie anfangs erwähnt, der Ruf nach Bethel. Dort war ursprünglich geplant gewesen, nur Kinder aufzunehmen, bei denen Aussicht auf Heilung bestand, doch bald drängten auch Epileptiker jeden Alters und aller Krankheitsgrade auf Aufnahme.

    Es wurde Bodelschwingh bald klar, dass die Gebäude und der dazu gehörende Grundbesitz zu klein waren, denn er erkannte schon nach kurzer Zeit, dass noch andere Aufgabenbereiche hinzukommen würden und das Ganze stetig wachsen würde.

    Er suchte und fand ein geeignetes Gelände, das erworben werden konnte und bei dem die Möglichkeit späterer, noch weiterer Grundstückskäufe erkennbar war. Die nötigen Mittel erbat er sich von der evangelischen Christenheit in aller Welt. Mit ruhiger Ausdauer bat er immer wieder, "der große Bettler" wurde er genannt. So geschah es Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Es entstand die "Stadt der Barmherzigkeit" mit Wohnhäusern, Werkstätten, Kliniken und auch einem Landwirtschaftsbetrieb. Neben Epileptikern hatte Bodelschwingh schon frühzeitig Nervenkranke, Geistesschwache und Körperbehinderte aufgenom-men. Alle wurden angehalten, nach ihren Fähigkeiten auch mitzuarbeiten, viele in ihrem erlernten Beruf.

    Nach über 30 Jahren rastloser Arbeit in Bethel neigte sich sein Leben dem Ende zu. Nach zwei Schlaganfällen starb er am 2. April 1910. Sein jüngster Sohn, über den im nächsten Brückenbogen zu lesen sein wird, wurde sein Nachfolger.






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    Michael Schirmer
    18. Juli 1606 (Tauftag; Geburtstag nicht bekannt) - 4. Mai 1673

    aus dem Gemeindebrief Nr. 28 (Dez. 2009 - Feb. 2010), von Walter Löber aus Balhorn


    "Nun jauchzet all', ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit", singen wir in der Adventszeit, zu deren Beginn dieser Gemeindebrief erscheint. In diesem Lied singen wir vom in Armut und Niedrigkeit erscheinenden, aber dennoch zu unserem Heil und zu unserer Erlösung kommenden Herrn. Der Dichter war Michael Schirmer, von dem wir auch noch den Pfingstchoral "O heilger Geist, kehr bei uns ein" im Gesangbuch haben. Einiges aus seinem Leben ist hier berichtet.

    Geboren und aufgewachsen in Leipzig, besuchte Michael Schirmer dort die Thomasschule, wo der bekannte und begnadete Kantor Joh. Hermann Schein sein Musiklehrer war. Schon 1619, also mit 13 Jahren, begann er sein Theologiestudium in Leipzig. 1630 wurde er Rektor in Freiberg/Sa., doch bald darauf berief ihn die Gemeinde Striegnitz bei Meißen zu ihrem Pfarrer. 1636 kam er wieder in den Schuldienst, am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin wurde er Subrektor.

    Der Dreißigjährige Krieg brachte es mit sich, dass das Gymnasium zeitweise geschlossen werden musste, dass Schirmer ohne Einkommen war und sich als Kostgänger an den Tischen besser gestellter Bürger ernähren musste. Etwa ab 1640 war er wieder im Dienst, doch ab 1644 quälte ihn, wohl zumindest teilweise durch die Nöte und Entbehrungen der vergangenen Jahre verursacht, fünf Jahre lang ein schweres Nervenleiden, was auch mit viel geistlicher Anfechtung verbunden war. Paul Gerhardt und Johann Crüger (s. Brückenbogen Nr. 14), Pfarrer bzw. Kantor an der Nicolaikirche in Berlin, mit denen ihn eine herzliche Freundschaft verband, waren ihm Trost und Stütze in dieser schweren Zeit.

    Nach seiner Gesundung, die er als Gottes Geschenk ansah, schrieb Schirmer im Vorwort eines der zahlreichen von ihm verfassten Bücher: "Ich armer deutscher Hiob, nachdem ich durch die allmächtige Hand Gottes aus dem fünfjährigen bitteren Elend, Kreuz, Angst und Notstand, ja aus der Hölle bin geführt worden, erkenne mich schuldig, die Zeit meines Lebens solch hohes Gnadenwerk meines Gottes und Heilandes zu rühmen, in seinem Wort mich zu üben und auch meinem Nächsten zu solcher heilsamen Betrachtung Anleitung zu geben." Im Sinne dieser von ihm so gesehenen "Schuldigkeit" verstärkte er noch sein schriftstellerisches und dichterisches Schaffen. Schon 1637 - lange vor seiner Erkrankung - war er zum kaiserlichen Poeten mit dem Dichterlorbeer gekrönt worden. Seine schwere Krankheit hatte ihn in seinem beruflichen Fortkommen behindert, doch 1651 stieg er auf vom Subrektor zum Konrektor.

    Schirmer musste dann später den Tod seiner Angehörigen erleben. 1659 verlor er sein einziges Töchterchen, noch im Kindesalter, 1666 starb sein einziger Sohn 25jährig und bald danach auch seine Frau. Solches Leid ließ seine alte Gemütskrankheit noch einmal aufbrechen, sodass er 1668 seinen Dienst aufgeben musste. In den ihm noch verbliebenen Lebensjahren beschäftigte er sich weiter mit der heiligen Schrift, besonders mit Blick auf ein seliges Ende. Trotz seines plötzlichen Todes am 4. Mai 1673 starb er doch "mit fertiger Lampe" nach den Schlusszeilen seines Adventsliedes, in denen er sich auf das Gleichnis von den zehn Jungfrauen bezieht:

    Halt' eure Lampen fertig
    und seid stets sein gewärtig,
    er ist schon auf der Bahn.






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    Emil Rausch
    7. September 1807 - 28. September 1884

    aus dem Gemeindebrief Nr. 27 (Sept. - Nov. 2009), von Walter Löber aus Balhorn


    Emil Rausch In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschten weithin Vernunftglaube und geistige Trägheit. Bevor 1852 Pfarrer Schmidtmann und 1853 Pfarrer Saul nach Balhorn kamen, war es hier bekanntlich nicht anders. In dieser "Glaubensfinsternis", wie August Vilmar, zu jener Zeit Verwalter der Superintendentur in Kassel, diesen Zustand nennt, besuchten einige Gemeindeglieder die Gottesdienste bekenntnistreuer Pfarrer in Kassel, die als Erweckungsprediger bezeichnet wurden. Einer von ihnen, von dem allerdings nicht feststeht, ob er mit Balhornern zusammentraf, war Emil Rausch.

    Er wurde 1807 in Kassel geboren als viertes Kind eines (damals so bezeichneten) Obergerichtsanwalts. Nach Schulbesuch und Abitur in Kassel und Theologiestudium in Marburg und Halle wurde er zweiter Pfarrer an der Unterneustädter Kirche in Kassel. Über seinen Werdegang urteilt er später: "Der rechte Pfarrer wird aus der Schrift geboren. … Göttliche Erleuchtung hatte ich auf der Universität nicht erhalten. … Ich suchte in der Schrift, ich las sie immer wieder von Anfang bis Ende, ich fand in ihr das ewige Leben. Es trieb mich zum Gebet und zu Gott. Ich wurde auf der Kanzel bekehrt."

    Nun begann eine segensreiche Tätigkeit. Die Unterneustädter Kirche war nach einiger Zeit die am meisten besuchte in Kassel. In seinen Predigten ging Rausch mit Unglaube und Vernunftglaube hart ins Gericht. Er hat sie später als "Zeugnisse von Christo, dem Gekreuzigten" herausgegeben und vier Auflagen erlebt. Wegen seiner Predigten blieben aber auch Anfeindungen und sogar Drohungen nicht aus. Angegriffen wurde er auch von seiner Kirchenleitung. Als er einmal über die Gottheit Christi gepredigt hatte, erhielt er die Weisung, sich künftig solcher "Redensarten und Worte" zu enthalten. Emil Rausch ließ sich aber nicht beirren. Er predigte weiterhin schriftgemäß und rief zu Umkehr und Buße auf. Prominenten Bürgern Kassels war er immer mehr ein Dorn im Auge und sie betrieben seine Versetzung von Kassel. Den letzten Anstoß dazu gab ein Fabrikant, der zu Rauschs Gemeinde gehörte, sein Kind aber von ihm nicht taufen lassen wollte. Um die Taufe von einem anderen Pfarrer vornehmen zu lassen, wäre Rauschs Einwilligung dazu nötig gewesen, die dieser nicht gab. Daraufhin wandte sich der Fabrikant an den Kurprinzen und Mitregenten Friedrich Wilhelm und stellte Rausch als den "Häuptling der Mystiker" in so schlechtem Lichte dar, dass ihm im Oktober 1838 seine Entfernung aus seinem Kasseler Amt und seine Versetzung nach Rengshausen (heute Ortsteil von Knüllwald) mitgeteilt wurde.

    Als er im Januar 1839 mit seiner Familie umgezogen war, kam es ihm dort öde und trostlos vor. Kirche und Pfarrhaus waren in schlechtem Zustand. Die Gemeinde erschien ihm geistlich tot. Zu seinen Gottesdiensten kamen zuerst fast nur Menschen von auswärts, die schon von dem bedeutenden Prediger gehört hatten, doch nach und nach gehörten auch seine Gemeindeglieder zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern.

    Die ersten Jahre in Rengshausen waren allerdings überschattet von persönlichen Schicksalsschlägen, besonders vom Tode seiner Frau nach 16monatiger Krankheit, die durch den Umzug im tiefsten Winter und anschließendem Wohnen bei grimmiger Kälte in verfallenem Haus hervorgerufen worden war und sich verschlimmert hatte. So war er nun Witwer und seine zwei kleinen Kinder Halbwaisen. Doch konnte er bald zum zweiten Mal heiraten, seine zwei Kinder bekamen eine liebe Mutter und noch acht Geschwister.

    Schon in Kassel hatte Rausch neben seiner Predigtarbeit eine eifrige Seelsorgetätigkeit entwickelt. Besonders war er im Armenhaus und im Gefängnis aktiv gewesen. Auch in Rengshausen wollte Rausch diesbezüglich nicht untätig bleiben. Er gründete 1841 eine "Kleinkinderbewahranstalt", daraus wurde eine "Rettungsanstalt für verwahrloste Jugendliche", die 1844 offiziell eröffnet wurde und den Namen "Beiserhaus" erhielt nach dem Flurnamen "Beisergarten" (nach dem Flüsschen "Beise").

    Die Anstalt wuchs nun ständig, die Unterstützung von nah und fern nahm stetig zu, es kamen viele Geld- und Sachspenden, viele Menschen boten ihre Mitarbeit an, darunter Lehrer, Pfarrer und Handwerker. Letztere wurden z.T. ausgebildet, um Gruppen von Schülern zu leiten. Die über 160-jährige Geschichte des Beiserhauses, das heute noch besteht und in dem etwa 160 Mitarbeiter rund 300 jungen Menschen, die auf verschiedenste Weise sozial benachteiligt sind, Hilfe leisten, ist wohl zu umfangreich, um in eine Lebensbeschreibung wie diese hinein genommen zu werden.

    Von Emil Rausch ist noch zu berichten, dass ihm das stete Wachstum seines Werks natürlich große Freude bereitete. Einen tiefen Schnitt brachte das Jahr 1873, als er den "Juliprotest" mit unterzeichnete und "renitent" wurde. Er wurde, wie 42 andere Pfarrer, abgesetzt. Etwa 100 Gemeindeglieder aus fünf Dörfern blieben bei Rausch, der sie bis zu seinem Tode geistlich versorgte und für die er 1875 innerhalb der Anstalt eine Kapelle einrichten konnte. Auch die Leitung der Anstalt behielt er bis an sein Lebensende 1884. Sein Sohn Julius, ebenfalls renitenter Pfarrer, wurde unter immer schwerer werdenden Bedingungen sein Nachfolger. Im Jahre 1904 wurde die Anstalt dann von der Landeskirche übernommen.

    Von Emil Rausch gibt es eine von ihm selbst geschriebene Schilderung seines Lebens mit einem Gebet am Schluss, dessen letzter Satz lautet:

    Herr Jesus! Du hast mich erkauft mit Deinem Blute, Dein bin ich in Ewigkeit.
    Amen






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    Johann Heinrich Pestalozzi
    12. Januar 1746 - 17. Februar 1827

    aus dem Gemeindebrief Nr. 26 (Juni - Aug. 2009), von Walter Löber aus Balhorn


    Johann Heinrich Pestalozzi Erziehung und Bildung der Kinder und Jugendlichen sowie Hilfe für Arme und Benachteiligte lagen Johann Heinrich Pestalozzi stets am Herzen. In einem wechselvollen Leben bemühte er sich auf mancherlei Weise darum.

    Geboren in Zürich, wohin seine Vorfahren in der Reformationszeit als Protestanten um ihres Glaubens willen aus Italien - daher sein Familienname - geflohen waren, wuchs er nach dem frühen Tod seines Vaters, eines Arztes, mit zwei Geschwistern in dürftigen Verhältnissen auf. Er besuchte die Elementarschule in Zürich. Sein Lehrer dort war der Meinung, dass aus Pestalozzi wegen geringer Begabung nie "was Rechtes" werde. Nach Gymnasialzeit und Matura (Abitur) in Zürich studierte er zuerst Theologie, dann Jura, wurde aber weder als Pfarrer noch als Jurist tätig. Beeinflusst von kulturellen Strömungen seiner Zeit entschloss er sich, Landwirt zu werden. Er begann im Herbst 1767 eine landwirtschaftliche Lehre. In einem Brief schrieb er begeistert von seinem neuen Beruf und besonders auch von seinem Lehrherrn, dessen Fürsorge für seine Gutsleute, vor allem auch für ihr geistliches Leben er rühmte.

    1768 kehrte er mit großen Plänen zurück. Er erwarb mit finanzieller Hilfe Züricher Freunde Grund und Boden im Kanton Aargau in der Nähe der Habsburg, Stammsitz und Namensgeberin des bekannten Herrschergeschlechts. Pestalozzi konnte nun seine Braut Anna Schulthess heiraten, die ihm in allen Schwierigkeiten und Nöten, die noch auf ihn zukommen sollten, treu zur Seite stand.

    Als Pestalozzi auf seinem Grundbesitz ein Haus gebaut hatte, zog das Ehepaar dort ein und gab dem Besitztum den Namen Neuhof. Es wurde nun intensive Landwirtschaft betrieben. Infolge mehrerer Missernten, fehlender Eignung seiner Mitarbeiter und Pestalozzis eigenem Mangel an kaufmännischen Kenntnissen und Fähigkeiten war dem ganzen Unternehmen kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Frau Anna bekam nun von ihren Brüdern ihr Erbteil ausgezahlt, wodurch der Ruin noch einmal abgewendet werden konnte.

    Pestalozzi kam nun auf den Gedanken, eine "Anstalt zur naturgemäßen Erzie-hung armer Kinder" zu gründen und eröffnete 1775 die Neuhofer Armenanstalt mit 50 Kindern, die zum Einen an praktische Arbeiten - im Sommer Feldarbeit, im Winter häusliche Arbeiten wie Spinnen und Weben - herangeführt werden sollten, zum Andern von Pestalozzi unterrichtet wurden. Er lebte mit ihnen wie ein Bettler, um, wie er sagte, Bettler zu lehren, wie Menschen zu leben. Diese Arbeit fand in der Bevölkerung große Zustimmung. Aber die Eltern der Kinder, selbst meist Bettler, lohnten ihm seine Bemühungen schlecht. Sie nahmen ihre Kinder, sobald sie eingekleidet waren und etwas gelernt hatten, zurück. Auch von Seiten der Behörden fand er keine Unterstützung. So war anfangs des Jahres 1781 auch dieses Unternehmen zum Scheitern verurteilt.

    Pestalozzi fand dann vorläufig kein Arbeitsfeld und begann, auf den Rat guter Freunde hörend, sich schriftstellerisch zu betätigen. Nach Anfangsschwierigkeiten fand sein literarisches Schaffen schließlich Anerkennung und verbesserte auch seine wirtschaftliche Lage. Die politischen Wirren in der Schweiz brachten es dann mit sich, dass in den Kantonen um den Vierwaldstätter See die Bevölkerung gegen die neue Verfassung und die neue Regierung rebellierte. Es kam zu einer militärischen Auseinandersetzung. Die Hirten, Jäger und Bauern waren der Regierungsarmee, die noch durch französische Truppen verstärkt wurde, zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen und wurden am 9. September 1798 bei Stans (Unterwalden) vernichtend geschlagen. Viele verloren ihr Leben. Es gab nun viele vater- und auch mutterlose Kinder, die zum Teil auch obdachlos waren, denn es waren auch nicht wenige Häuser zerstört worden. Da fühlte sich Pestalozzi gerufen. Er such-te den Ort des Jammers auf. Er erbat sich die Erlaubnis, ein Waisenhaus einrich-ten zu dürfen. Er wurde dann auch offiziell damit beauftragt und unterstützt. Ein leer stehendes Kloster wurde ihm dafür zugewiesen. So hatte er nun eine große Aufgabe. Er hatte bald 80 Kinder in seinem Heim, die zumindest teilweise eltern- und obdachlos gewesen waren und daher verwahrlost, ja fast verwildert waren. Nach Monaten rastloser Tätigkeit hatte Pestalozzi "seine" Kinder so weit, dass er einen regelrechten Schulunterricht beginnen konnte. Doch auch hier in Stans war seines Bleibens nicht lange. Im Juli 1799 wurde das Kloster von französischen Truppen zur Einrichtung eines Lazaretts beansprucht und Pestalozzi musste seine Arbeit aufgeben.

    Er zog nach Burgdorf, wo er zunächst an den dort bestehenden Schulen unterrichtete, aber nach einem Jahr eine eigene Erziehungsanstalt eröffnete. 1804 musste er auch das ihm dort zur Verfügung gestellte, vorher unbewohnte Schloss wieder räumen, weil es Sitz eines neu eingerichteten Bezirksamtes werden sollte. Er konnte nun in Münchenbuchsee, ebenso wie Burgdorf nördlich von Bern gelegen, seine Anstalt fortführen. Hier kam es nun mit dem schon zu Ruhm gekommenen Gründer und Leiter einer pädagogischen Anstalt im Nachbarort zu heftigen Kontroversen.

    Pestalozzi bekam dann von der Stadt Iferten (Yverdon) am Neuenburger See das ehemalige landvögtliche Schloss angeboten, in das er 1805 seine Anstalt verlegen konnte. Er hatte nun die Möglichkeit, mit mehr Mitarbeitern seine "Hochschule für Pädagogik", wie sie bald in ganz Europa genannt wurde, weiter auszudehnen. 20 Jahre bestand sein Institut an diesem Standort, in der Blütezeit wurde es von 165 Schülern besucht, von denen viele aus dem Ausland, besonders auch aus Deutschland kamen. Pestalozzi hatte aber auch hier wie in allen seinen vorherigen Unternehmungen mit Widrigkeiten und Anfeindungen zu kämpfen, die z.T. auch aus den Reihen seiner Mitarbeiter kamen, obwohl er ihnen öfter zugerufen hatte: "Betet, betet um den Sinn Jesu Christi, um die Kraft seines Geistes, damit unser Werk durch ihn geheiligt werde". Diese Querelen und vor allem der Tod seiner Frau im Dezember 1815 nahmen ihm viel von seiner Lebenskraft.

    Seinem treuesten Mitarbeiter, der als "armer Leute Kind" 1801 nach Burgdorf gekommen und später Lehrer geworden war, überließ er weitgehend die Leitung seiner Anstalt, die im Jahre 1825 aufgelöst wurde. Pestalozzi zog sich auf den Neuhof zu seinem Enkel zurück. Hier begann und vollendete er sein letztes literarisches Werk, den "Schwanengesang", nachdem er schon seit 1780 viele Bücher und Schriften verfasst hatte. Er starb 1827 und sein Wirken als Pädagoge, Wohltäter und Schriftsteller hat bis heute Spuren hinterlassen.






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    Heinrich Schütz
    8. (oder 14.) Oktober 1585 - 6. November 1672

    aus dem Gemeindebrief Nr. 25 (März - Mai 2009), von Walter Löber aus Balhorn


    Heinrich Schütz "Lobet und preiset den Herrn, so hoch ihr vermöget! Er ist doch höher. Preiset ihn aus allen Kräften und lasset nicht ab, noch werdet ihr's nicht erreichen." Heinrich Schütz, von einem Biografen als "der früheste Großmeister der deutschen Musik" bezeichnet, hatte über seinem Notenschrank diese Sätze anbringen lassen und sein Leben und sein musikalisches Schaffen und Wirken daran ausgerichtet.

    Geboren in Köstritz (bei Gera), kam er mit sechs Jahren mit seinen Eltern nach Weißenfels (Saale), wo sein Vater eine geerbte Gastwirtschaft übernahm und später noch Bürgermeister wurde. Hier kam es im Sommer 1598, eher zufällig, zu einer Begegnung. Landgraf Moritz von Hessen war auf der Durchreise in besagtem Gasthaus eingekehrt, wo er durch das offene Fenster einen Jungen mit glockenheller Stimme singen hörte. Es war Heinrich Schütz, der Gastwirtssohn. Von dessen Wesen war der Landgraf sehr angetan und überredete die Eltern, ihren Sohn an den landgräflichen Hof nach Kassel gehen zu lassen, was dann im Jahre darauf geschah. Er wurde Sänger in der Hofkantorei, aber auch Schüler am Collegium Mauritianum, einem erst von Moritz gegründeten Gymnasium.

    Auf Drängen seiner Eltern, die nicht wollten, dass ihr Sohn "als Musikant das Gnadenbrot von Fürsten äße", begann er ein Jurastudium in Marburg, was er aber nicht zum Abschluss brachte, weil sein Gönner, der Landgraf, ihm ein Stipendium für einen zweijährigen Studienaufenthalt bei dem damals berühmten Musiker Giovanni Gabrieli in Venedig anbot, was er gern annahm. Der italienische Altmeister schätzte Schütz sehr und bewog ihn, länger zu bleiben. Nach vier Jahren in Italien kehrte er 1613 nach Deutschland zurück und setzte sein Jurastudium, jetzt in Leipzig, fort. Doch Landgraf Moritz holte ihn bald wieder nach Kassel und verschaffte ihm eine Organistenstelle. Als Schütz 1614 mit seinem Landgrafen an Tauffeierlichkeiten am Dresdner Hofe teilnahm und an der musikalischen Ausgestaltung derselben mitwirkte, wurde man auf den jungen Mann aufmerksam und wollte ihn gern in Dresden haben. Der Landgraf wollte ihn in Kassel halten, doch gegen die damals größere Macht Sachsens kam er nicht an. So kam Schütz 1615 an den Dresdner Hof und wurde dort 1617 Hofkapellmeister und bekleidete damit das angesehenste musikalische Amt im damaligen protestantischen Deutschland. Dieses Amt war ihm dann oft eine Last, vor allem auch wegen der dort nicht guten Arbeitsbedingungen, hauptsächlich verursacht durch die wenig freundliche Art und Weise des Kurfürsten im Umgang mit seinen Musikern. Da war es für Schütz erfreulich, dass ihm dann wegen eingeschränkter Möglichkeiten der Dresdner Hofmusik infolge des 30jährigen Kriegs mehrmals Urlaub gewährt wurde für größere Reisen. So war er noch einmal in Italien, etliche Male in Kopenhagen am Königshofe, sowie auch in Wolfenbüttel, wo bis 1753 die Herzöge von Braunschweig residierten. Überall erfreute er sich größter Wertschätzung. Bei einigen dieser Aufenthalte wurde ihm die musikalische Leitung bei fürstlichen Hochzeiten und anderen Festlichkeiten übertragen.

    Sein hauptsächlicher Lebensinhalt war jedoch das Komponieren. Die Zahl seiner Werke ist schier unüberschaubar. Psalmvertonungen, Madrigale, Motetten, "kleine" geistliche Konzerte, Chormusiken u.v.a.m. Auch sechs in unserem Gesangbuch zu findende Choralmelodien stammen von ihm (s. S. 1144/45, Nr. 103).

    Nachdem Schütz schon einige Male um Versetzung in den Ruhestand gebeten hatte, wurde er 1657 "älterer" Kapellmeister und vom regelmäßigen Dienst befreit. Er wohnte fortan in seinem Heimatort Weißenfels, wo er ein Haus erworben hatte. Hier hatte er nun Muße, weiter zu komponieren, u.a. als größere Werke je eine Passion nach Lukas (1664), nach Johannes (1665) und nach Matthäus (1666) sowie einen "Schwanengesang", bestehend aus je einer Vertonung des längsten, des 119. Psalms und des 100. Psalms und einem Deutschen Magnificat.

    Heinrich Schütz, der 1619 geheiratet hatte, seine Frau aber schon nach sechs Jahren verlor, blieb dann Witwer. Er musste dann auch seine zwei Töchter, seine einzigen Kinder, die nur 17 bzw. 32 Jahre alt wurden, zu Grabe geleiten. Er starb 1672 mit 87 Jahren.






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    Philipp Jakob Spener
    13. Januar 1635 - 5. Februar 1705

    aus dem Gemeindebrief Nr. 24 (Dez. 2008 - Febr. 2009), von Walter Löber aus Balhorn


    Philipp Jakob Spener Pietismus - was ist das? Und was ist ein Pietist? Mit den Bezeichnungen "Frömmigkeit" bzw. "frommer Mensch" oder - leicht spöttelnd - "Frömmler" kann man in etwa diese Begriffe erklären. Im 17. Jahrhundert wurden - zunächst ebenfalls spöttisch - die Anhänger einer sich entwickelnden Bewegung in der evangelischen Kirche Pietisten genannt.

    Als "Vater des Pietismus" gilt der 1635 im Elsass als Sohn eines Juristen und En-kel eines Goldschmieds geborene Philipp Jakob Spener. Als Kind schon galt er als äußerst begabt, ja man sagte von ihm, dass er seinen Hauslehrern überlegen sei. 1651 ging er zum Studium nach Straßburg und erwarb bereits 1653 den philosophischen Magistergrad. Im Jahr darauf begann er mit dem Studium der Theologie, das er 1659 abschloss. Er hatte sich nebenher auch intensiv mit Ge-schichte befasst, was ihn zeitweilig an eine berufliche Zukunft als Historiker denken ließ. Aber die Theologie ließ ihn doch nicht los, und nach einer Studien-reise, die ihn nach Freiburg, Basel, Genf und Tübingen führte, wurde er 1663 zum Prediger in Straßburg berufen. Weil hier Seelsorge nicht zu seinen Aufga-ben gehörte, konnte Spener sich weiterhin seinen Studien widmen, auch Vorle-sungen halten und zum Dr.theol. promovieren. Er dachte nun an eine Hoch-schullaufbahn, doch 1666 wurde er überraschend zum Oberpfarrer in Frank-furt/M. berufen. Etwas zögernd nahm er den Ruf an, dabei den Gedanken an ei-ne Lehrtätigkeit aufgebend.

    In Frankfurt war Spener bestrebt, die Selbstsicherheit der "Durchschnittschris-ten", die sich auf das bloße Predigthören und den Sakramentsempfang verlas-sen, aufzuzeigen und die Menschen wachzurütteln und zur Sinnesänderung zu bringen. Er lud zu Versammlungen neben den Gottesdiensten ein, in denen Bi-beltexte gelesen und besprochen wurden. Hier entstand die anfangs erwähnte, zunächst spöttisch gemeinte Bezeichnung "Pietisten".

    In den Gottesdiensten rief er in seinen Predigten zu Buße und lebendigem Glauben auf. Auch literarisch, mit zunächst nur kleineren Schriften, versuchte er die Menschen zu erreichen. 1675 gab er dann sein Hauptwerk heraus, das als Programmschrift des lutherischen Pietismus geltende "Pia Desideria (zu deutsch: fromme Wünsche) oder Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Bes-serung der wahren evangelischen Kirchen".

      In den folgenden Jahren trennten sich in Frankfurt dann einige Male kleine Gruppen ernster Pietisten von der Kirche. Spener gab ihnen in der Sache recht, eine Abkehr von der Kirche lehnte er aber ab. Als zu diesen Misshelligkeiten noch Unstimmigkeiten mit dem Magistrat kamen, nahm er nicht ungern einen Ruf nach Dresden in das Amt des kursächsischen Hofpredigers an, das damals als die höchste geistliche Stelle im lutherischen Deutschland galt. Spener ver-ließ nun Frankfurt nach 20 Jahren rastlosen Einsatzes.

    In Dresden und überhaupt in Sachsen wurde er aber nicht recht heimisch. Der Kurfürst und sein Gefolge besuchten kaum den Gottesdienst. Spener sorgte ne-ben seiner Predigttätigkeit besonders für die Verbesserung des kirchlichen Un-terrichts. Die in Sachsen vielerorts vorhandenen pietistischen Gruppen unter-stützte er, hauptsächlich durch brieflichen Kontakt, während er selbst bei wei-tem nicht die Aktivitäten wie in Frankfurt entwickelte.

    1691 wurde er Propst an St. Nikolai in Berlin und zugleich brandenburgischer Konsistorialrat. Die von den hier regierenden (reformierten) Hohenzollern be-triebene Politik der konfessionellen Toleranz gab Spener die Möglichkeit, die im Lande zahlreich bestehenden, mancherorts auch unterdrückten pietistischen Gemeinschaften zu stärken und ihnen Rückhalt zu geben. Der junge A.H. Fran-cke, ebenfalls pietistisch gesonnen, kam durch Speners Einfluss an die neu ge-gründete Universität im außerhalb Brandenburgs liegenden Halle, die dann zu einem Zentrum des Pietismus werden sollte.

    In dieser Zeit verstärkte sich innerhalb der lutherischen Kirche der Streit zwi-schen Anhängern und Gegnern des Pietismus. Viele Streitschriften wurden von beiden Seiten verfasst. Spener, der Wortführer der Pietisten, war besonders ak-tiv. 1698 zog er sich aus den Auseinandersetzungen zurück und ließ Freunde und Schüler mit den Gegnern die Klingen kreuzen.

    Er selbst befasste sich nun mit dem Sammeln, Ordnen und Bewahren von ihm verfasster Schriften und Predigten. Er hielt noch Gottesdienste und in einem solchen erlitt er einen Schwächeanfall. Nun musste er sich, auch wenn es ihm schwer fiel, zur Ruhe setzen. Er starb dann im Februar 1705. Aus seiner 1664 am Tag seiner Promotion geschlossenen Ehe gingen elf Kinder hervor, von denen ihn sechs überlebten.






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    Albert Knapp
    27. Juli 1798 - 18. Juni 1864

    aus dem Gemeindebrief Nr. 23 (Sept. - Nov. 2008), von Walter Löber aus Balhorn


    Albert Knapp "Einer ists, an dem wir hangen…", so singen wir auf Missionsfesten und anderswo. Zum ersten Mal gesungen wurde dieses Lied auf dem Missionsfest in Basel 1824, wofür es geschrieben wurde. Der Dichter war Albert Knapp, von dem wir noch fünf weitere Lieder bzw. einzelne Strophen in unserm Gesangbuch haben, wo Knapp auf Seite 1160 unter Nr. 220 vorgestellt wird. Er war ein evangelischer Geistlicher in Württemberg und als solcher wie viele seiner dortigen Amtsbrüder (z.B. Chr. G. Barth) ein Freund und Förderer der Basler Mission. Den letzten und längsten Abschnitt seines Lebens als Pfarrer diente er ab 1836 nacheinander drei Stuttgarter Gemeinden. Vorher war er in vier anderen württembergischen Gemeinden als Vikar bzw. als Pfarrer gewesen. Er dichtete weiterhin noch viele Lieder, deren Gesamtzahl mit 1200 angegeben wird, und die zumeist in dem von Knapp von 1833 bis 1853 herausgegebenen literarischen Jahrbuch "Christoterpe" erstmals veröffentlicht wurden. In seiner Bescheidenheit ließ er allerdings seine Lieder in seinen Gottesdiensten nicht singen.

    Sein bedeutsamstes Werk wurde der "Evangelische Liederschatz für Kirche und Haus, eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten". Knapp hatte dazu aus einem Bestand von etwa 80.000 Liedern fast 4.000 ausgesucht und z.T. stilistisch und dichterisch dem Sprachverständnis seiner Zeit angepasst, auch manche Lieder noch durch weitere Strophen ergänzt. Eine weitere "Nebentätigkeit" lag im musikalischen Bereich. Knapp spielte meisterhaft Klavier, am liebsten Beethoven, und komponierte auch selbst.

    Albert Knapp war in Tübingen geboren. Sein Vater, ein Jurist, war dort im Staatsdienst tätig und wurde im zweiten Lebensjahr seines Sohnes nach Alpirsbach im Schwarzwald versetzt. Hier war ein schon 1095 gegründetes, einst berühmtes Benediktinerkloster, das mit Knapps elterlichem Wohnhaus durch einen Gang verbunden war. Dadurch war der heranwachsende Albert Knapp in den ehrwürdigen Kirchen- und Klosterhallen ganz heimisch, und seine Sichtweise erhielt, wie er es selbst ausdrückte, "von Jugend auf eine ernstere, an Wehmut grenzende Färbung". Nach Schulbesuch in Tübingen, zwei Jahren im theologischen Seminar in Maulbronn und Theologiestudium in Tübingen trat er seine erste Stelle mit Zittern und Zagen an. Ihm fehlten Glaubens- und Heilsgewissheit. Mit dem Beistand seines gleichaltrigen Studienfreundes Ludwig Hofacker konnte er diese Krise überwinden.

    Auch in seinem familiären Bereich hatte er viel Leid zu ertragen. Knapp, der dreimal verheiratet war, musste außer seiner ersten und seiner zweiten Ehefrau auch drei seiner Kinder zu Grabe geleiten. Die Trauer machte ihn auch körperlich krank. Ab 1850 machte ihm ein Bronchialkatarrh sehr zu schaffen. Später wurde er auch noch auf einem Auge blind. Als ihn seine Kräfte mehr und mehr verließen, bekannte er: "Mein Leben liegt hinter mir wie eine zerbrochene Scherbe. Der zweite Artikel ist für mich gemacht, ich unterschreibe ihn aus Herzensgrund; denn ich bin ein verlorener Mensch, der Erlösung bedürftig." Er starb am 18. Juni 1864. Seiner Gewissheit, dass Jesus Christus mit seinen Heilsplänen zum Ziel kommt, gab er mit der an das Lied "Wach auf du Geist der ersten Zeu-gen" angefügten Strophe Ausdruck:

    Du wirst dein herrlich Werk vollenden,
    der du der Welten Heil und Richter bist;
    du wirst der Menschheit Jammer wenden,
    so dunkel jetzt dein Weg, o Heil'ger, ist.
    Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn;
    du tust doch über Bitten und Verstehn.






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    Paul Schneider
    20. August 1897 - 18. Juli 1939

    aus dem Gemeindebrief Nr. 22 (Juni - August 2008), von Walter Löber aus Balhorn


    Paul Schneider Ein unerschrockener Glaubenszeuge und Märtyrer in unserem 20. Jahrhundert war Paul Schneider. Geboren und aufgewachsen in der Nähe von Bad Kreuznach als Sohn eines Pfarrers, hatte er sich 1915, statt das zunächst geplante Medizinstudium zu beginnen, freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Er war dann über drei Jahre an der Front, wurde schwer verwundet und kehrte als Offizier heim. Schon auf dem Schlachtfeld und im Lazarett war in ihm der Entschluss herangereift, Theologie zu studieren.

    Er studierte u.a. in Marburg und Tübingen, übte sich nebenher im Orgelspiel und absolvierte eine Turnlehrerausbildung. 1922 machte er das erste theologische Examen. Danach arbeitete er ein Vierteljahr im Ruhrgebiet an einem Schmelzofen und erwarb sich Achtung und Sympathie bei den Arbeitern.

    Es folgte dann die theologische Weiterbildung am Predigerseminar in Soest. Danach arbeitete er in der Berliner Stadtmission, weil er, wie er sagte, "das Wachsen und Werden des Reiches Gottes außerhalb der schützenden und stützenden Mauern der Kirche" kennen lernen wollte. Im Jahre 1926 erreichte ihn ein Ruf aus Hochelheim bei Wetzlar, wo er nun der Nachfolger seines Vaters wurde. Seine Liebe und Fürsorge galt besonders den Kranken, deren Gemütszustand er positiv beeinflusste, so dass ein Arzt bekannte: "Es ist etwas Eigenartiges um Pfarrer Schneider".

    Im Frühjahr 1933 hatte er sich in der Hoffnung, damit vielleicht etwas zum Nutzen seiner Mitmenschen tun zu können, den "Deutschen Christen" angeschlossen, ein von den Nationalsozialisten geförderter Zusammenschluss in der evangelischen Kirche. Ganz wohl war ihm bei der Sache nicht gewesen, und nach Gesprächen mit Freunden zog er sich davon wieder zurück. Als er darüber hinaus in einer Predigt gegen den so genannten "Muckererlass" protestierte, wurde er von der Partei angegriffen und erhielt auch von der Kirchenleitung keine Rückendeckung. Es folgte seine Versetzung nach Dickenschied (südöstlich vom Hunsrück) im Mai 1934. Schon kurze Zeit später eckte Schneider dort zum ersten Mal an, als er bei der Beerdigung eines "Hitlerjungen" nach den Reden der Parteigrößen die darin geäußerten Gedanken anzweifelte. Er wurde verhaftet, aber auf eine von den meisten Bürgern Dickenschieds unterschriebene Eingabe wurde er nach einer Woche wieder entlassen.

    In der Folgezeit ging er mit verstärktem Einsatz daran, seine Gemeindeglieder weiter in Glaube und Bekenntnis zu festigen und sie bereit zu machen, solches öffentlich zu bezeugen. Im Einvernehmen mit seinem Presbyterium (Kirchenvorstand) hielt er die Kirchenzucht strenger. Das führte u.a. dazu, dass zwei Lehrern, die unchristlich lehrten, und einem Vater, der seinen Sohn aus dem Gottesdienst holte, von Schneider das Abendmahl verweigert wurde, ihnen aber Wortverkündigung und Seelsorge zugänglich blieb. Sie sollten nicht als Feinde gelten, wohl aber brüderlich gestraft sein. Daraufhin wurde er am 31. Mai 1937 erneut verhaftet und nach achtwöchiger Haft aus dem Rheinland ausgewiesen, was er aber nicht befolgte. In einem umfangreichen Schreiben an Reichskanzlei und Reichsinnenministerium legte er u.a. dar, dass er als Mensch, als Christ, als Pfarrer, als ehemaliger Offizier und Kriegsteilnehmer durch die lange Haft schon eine erhebliche Ehrverletzung habe hinnehmen müssen. Eine weitere Verfolgung seiner Person und zunehmende Bedrängnis seiner beiden Gemeinden, die ihn schriftlich dazu aufgefordert hätten, sein Amt weiter zu versehen, würde "zu großer Vertrauenseinbuße in die Gerechtigkeit der derzeitigen Staatsführung Ursache geben". Er und seine Gemeinden nähmen "die schwere Last des Ungehorsams gegen ein obrigkeitliches Gebot aus Gehorsam gegen den Herrn der Kirche auf sich".

    Paul Schneider hielt also am Erntedankfest 1937 wieder Gottesdienst in Dickenschied und wurde danach wieder festgenommen und bis zum 24. November im Koblenzer Polizeipräsidium festgehalten, bevor er ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurde. Dort erwartete ihn harte Arbeit und ein karges Leben. Trotzdem begann er schon bald, an jedem Freitag zu fasten und die Nahrung dieses Tages schwächeren Mitgefangenen zukommen zu lassen. Er half denen, die überfordert wurden, bei der Arbeit. Das alles verschaffte ihm Liebe und Achtung seiner Kameraden, die erkannten, dass er alles um seines Glaubens willen tat.

    Am 1. Mai 1938 wurde über dem Lagertor die Hakenkreuzfahne gehisst und die Sträflinge sollten sie durch Abnehmen der Mütze grüßen, was Paul Schneider verweigerte. Er wurde mit Stockhieben bestraft und kam in Einzelhaft, in der er bis zu seinem Tode blieb.

    In der Einzelhaft wurde er zum Prediger von Buchenwald. Jeden Morgen hielt er für die Häftlinge in den Nachbarzellen mit lauter Stimme eine Andacht.
    Am Ostermorgen, beim Abzählen auf dem Appellplatz, auf dem die 20000 Häftlinge angetreten waren, rief er mit mächtiger Stimme: "So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben!" Ähnliches wiederholte sich in der Folgezeit noch einige Male und führte, wie alle Glaubensäußerungen Schneiders, für ihn jeweils zu weiteren körperlichen Misshandlungen. Diese und die schwere Arbeit ruinierten ihn bis zum Sommer 1939 körperlich total. Am 18. Juli wurde er dann durch eine Überdosis Strophantin getötet. Im versiegelten Sarg kam er nach Dickenschied. Bei der Beerdigung folgten dem Sarg etwa 200 Geistliche im Talar und eine unüberschaubare Menschenmenge.






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    Philipp Spitta
    1. August 1801 - 28. September 1859

    aus dem Gemeindebrief Nr. 21 (März - Mai 2008), von Walter Löber aus Balhorn


    Philipp Spitta "Bei dir, Jesu, will ich bleiben", dieses bei uns nicht selten gesungene, von Jesu Liebe zu uns Menschen zeugende und zugleich dem Herrn Lob und Anbetung darbringende Lied ist wohl das bekannteste des Pfarrers und Dichters Philipp Spitta. Von ihm haben wir in unserem Gesangbuch noch sechs weitere Lieder (Nr. 444 nicht mitgezählt), aufgeführt mit Stichworten aus seinem Lebenslauf auf Seite 1160 unter Nr. 222. Darüber hinaus findet man in Missionsharfen und anderen Liedsammlungen noch eine Vielzahl aus Spittas Feder stammender Dichtungen, z.B. das bekannte "O selig Haus, wo man dich aufgenommen". Philipp Spitta wurde als viertes von fünf Kindern 1801 in Hannover geboren, wo sein aus einer Hugenottenfamilie stammender, anderswo als Geschäftsmann gescheiterter Vater als Buchhalter und Sprachlehrer tätig war. Seine Mutter war eine zum christlichen Glauben gekommene und getaufte Jüdin. Als Philipp Spitta vier Jahre alt war, starb sein Vater und die Mutter musste allein für ihre Kinder sorgen.

    Philipp erkrankte im Alter von 10 Jahren an Skrofulose, einer heute seltenen Art von Tuberkulose. Bis zur Genesung dauerte es lange und so kam es zunächst zur Unterbrechung und dann zum völligen Abbruch seiner Schulbildung. Nach seiner Konfirmation 1815 kam er zu einem Uhrmacher in die Lehre, was ihn aber nicht befriedigte. Da trat in der Familie ein tragisches Ereignis ein, das für Philipp Spitta die Wende in seinem Leben bringen sollte: Sein jüngerer Bruder, der studieren sollte, ertrank und die für dessen Ausbildung vorgesehenen Gelder standen nun Philipp zur Verfügung. Gern besuchte er auch mit Jüngeren die Schule, um das Abitur nachzuholen und ab 1821 in Göttingen Theologie und nebenher Sprachwissenschaften zu studieren.

    In Göttingen wie auch anderswo war zu jener Zeit der Rationalismus (Vernunftglaube) vorherrschend und Spitta fühlte sich davon immer mehr abgestoßen. Er zog sich deshalb auch von seinem studentischen Freundeskreis, zu dem auch Heinrich Heine gehörte, zurück.

    Nach Abschluss seines Studiums 1824 wirkte er vier Jahre als Hauslehrer im Haus eines Amtmanns in Lüne (heute zu Lüneburg gehörend). In dieser Familie und in Hausbibelkreisen im Ort fand er echte christliche Gemeinschaft, gegründet im rechten Glauben. Von nun an stellte er seine dichterische Begabung ganz in den Dienst Gottes und seiner Kirche, nachdem er sich schon früher, auch bereits als Jugendlicher, ja fast noch als Kind, literarisch in mancherlei Form betätigt hatte.

    1828 wurde Philipp Spitta ordiniert und war dann zwei Jahre Vikar in Sudwalde, südlich von Bremen. 1830 kam er als Garnisonsprediger und Gefängnisseelsorger nach Hameln. Die Gespräche mit einzelnen Häftlingen, deren Lebensgeschichten sich oft sehr voneinander unterschieden ebenso wie ihr Glaube an Jesus Christus, hinterließen bei Spitta bleibende Eindrücke. Auch beim Militär waren, besonders unter den Offizieren, viele Verächter des Wortes Gottes und der Kirche. Spitta war hier vielen Anfeindungen ausgesetzt, auch aus der Hamelner Pfarrerschaft und darüber hinaus auch aus der Bevölkerung. Im Zeitalter des Rationalismus wurde ein treuer Bekenner wie Spitta als Schwärmer und Mystiker verschrieen.

    1837 wurde er nach Wechold bei Hoya versetzt, zehn Jahre später zum Superintendenten in Wittingen berufen. 1853 wurde er nach Peine, 1859 nach Burgdorf versetzt, wo er noch im gleichen Jahr starb. Seit 1837 war er verheiratet gewesen, die Eheleute hatten sechs Söhne und zwei Töchter.

    Eine Liedstrophe von Spitta, Jesu Opfertod für uns sündige Menschen beschreibend und unsere Hingabe herausfordernd:

    Wo ist solch ein Herr zu finden,
    der, was Jesu tat, mir tut:
    mich erkauft von Tod und Sünden
    mit dem eignen teuren Blut?
    Sollt ich dem nicht angehören,
    der sein Leben für mich gab?
    Sollt ich ihm nicht Treue schwören,
    Treue bis in Tod und Grab?





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    Johannes Hus
    Um 1370 - 6. Juli 1415

    aus dem Gemeindebrief Nr. 20 (Dezember 2007 - Februar 2008), von Walter Löber aus Balhorn


    Am Ende des 14. Jahrhunderts wurde in Böhmen dem jungen Theologen Johan-nes Hus, wie über 100 Jahre später Martin Luther in Deutschland, immer mehr bewusst, dass in seinem Lande und in seiner Kirche vieles im Argen lag. In Süd-böhmen, wo er als Fuhrmannssohn geboren und aufgewachsen war und in der Stadt Prachatitz (heute: Prachatice) die Schule besucht hatte, waren schon seit über 100 Jahren immer wieder Wanderprediger von den Waldensern aufgetreten und hatten u.a. den Papst als den Antichristen bezeichnet und der Priesterschaft, vor allem den Kardinälen und Bischöfen vorgeworfen, nicht nach Gottes Wort und Christi Vorbild zu leben und nach Macht zu streben.

    Um 1385/86 kam Hus zum Studium nach Prag. Aus den folgenden Jahrzehnten sind Hus' Lebensdaten bei den verschiedenen benutzten Quellen oft mit jeweils zwei oder gar drei voneinander abweichenden Jahreszahlen zu finden. Er wurde nach Jahren Magister, um 1389 Professor (auch an der Prager Universität), 1400 zum Priester geweiht und 1402 zum Prediger an der Bethlehemskapelle in Prag bestellt, in der nur in der Sprache des Volkes (tschechisch) gepredigt werden durfte. Er blieb aber weiterhin auch Hochschullehrer.

    Schon bevor Hus nach Prag kam, waren dort die Schriften des 1384 verstorbenen englischen Kirchenkritikers und Gelehrten John Wiclif bekannt und hatten unter Theologen und Laien sowohl heftige Ablehnung als auch begeisterte Zustim-mung erfahren. Wiclif hatte die in seiner (englischen) Kirche sich immer mehr ausbreitenden Missstände wie falsche Lehren, Machtgier und Bestechlichkeit der Kirchenoberen angeprangert. Hus stellte auch in Böhmen, wie bereits an-fangs erwähnt, derartige Zustände in der Kirche fest. Als Prediger in der Bethle-hemskapelle konnte er dann seine Stimme erheben und den Menschen ins Ge-wissen reden, bald bittend und beschwörend, bald fordernd und aggressiv. Die Priesterschaft, insbesondere die leitenden Geistlichen, beschrieb er folgender-maßen: "Ihr Rang ist hoch, ihr Sinn niedrig, die Zunge geschäftig, die Hand läs-sig, viel Gerede, wenig Frucht; sie sind blinde Wächter, stumme Herolde, lahme Läufer, Ärzte, unkundig der Krankheit." Der Erzbischof verbot ihm die Ausübung des Predigtamtes, doch Hus, der immer mehr Zustimmung im Volk fand, hielt sich nicht daran und sprach: "Nur guten Befehlen muss man gehorchen, bei schlechten muss man sich kühn widersetzen." Als der Papst 1412 wieder einen Ablass ausschrieb, um einen geplanten Feldzug zu finanzieren, habe Hus, so wird berichtet, "wie ein Besessener" von seiner Kanzel gegen Krieg und Ablass gewettert.

    Nun wurde der Kirchenbann über ihn ausgesprochen. Weil er sich aber auch jetzt nicht fügte und das Predigen nicht unterließ, wurde über Prag der "große Kirchenbann" verhängt, so dass die Glocken verstummten und jeglicher Gottes-dienst unterblieb. Erst daraufhin zog sich Hus aus Prag zurück und fand Auf-nahme bei einer Adelsfamilie in Südböhmen. Hier vollendete er sein Werk über die "Auslegung des Glaubens, der zehn Gebote und des Gebets des Herrn" und begann mit der Übersetzung der Bibel in die tschechische Sprache. Manchmal tauchte er unvermutet in Prag auf und predigte vor seiner freudig überraschten Gemeinde.

    Dem deutschen König Sigismund, dem künftigen Erben der böhmischen Krone, lag viel daran, dass Böhmen nicht der Ausgangspunkt von Irrlehren und Kir-chenspaltung sein sollte. Deshalb bedrängte er Hus, sich dem am 1. November 1414 beginnenden Konzil in Konstanz zu stellen und sicherte ihm freies Geleit zu. Hus erklärte sich sofort dazu bereit, er wollte ja gern vor der hohen Geist-lichkeit seinen Glauben bezeugen und die Berechtigung seiner Vorwürfe bewei-sen. Nach seiner Ankunft in Konstanz konnte sich Hus zunächst frei bewegen. Der Papst ließ ihn dann unauffällig ersuchen, alles von ihm gegen Kirche und Geistlichkeit Gesagte zu widerrufen und damit den Streit aus der Welt zu schaf-fen, doch Hus lehnte ab. Er beharrte auf seiner von ihm für schriftgerecht gehal-tenen Sicht der Dinge und wollte solches auch öffentlich bekennen.

    Am 28. November wurde Hus verhaftet. König Sigismund, der ihm ja freies Ge-leit zugesichert hatte, stritt lange erfolglos für seine Freilassung. Von Seiten der Kardinäle wurde Hus noch einige Male zum Widerruf aufgefordert. Er lehnte aber ab, auch als man ihm in der Formulierung des Widerrufs noch entgegen-kam. Seine Antwort war: "Wie soll ich widerrufen, ohne meinem Herrgott ins Gesicht zu lügen! Es wäre auch gegen mein Gewissen, es wäre wider die Wahr-heit. Ich will auch kein Ärgernis geben denen, die meine Predigt gehört und meinen Worten geglaubt haben." Er wurde nun als Ketzer aus der Kirche ausge-schlossen und dem "weltlichen Arm" übergeben. Er wurde zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt und starb am 6. Juli 1415 in den Flammen.






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    Johann Scheffler
    24. Dezember 1624 - 9. Juli 1677

    aus dem Gemeindebrief Nr. 19 (September - November 2007), von Walter Löber aus Balhorn


    Unter vier in unseren Gottesdiensten nicht selten gesungenen, in unserem Gesangbuch unter den Nummern 253-256 aufeinander folgenden Liedern, steht der Name Johann Scheffler. Im renitenten Gesangbuch finden wir noch zwei Passionslieder dieses Dichters, in den verschiedenen Ausgaben der Missionsharfe noch einige andere. Aus seiner Feder stammten insgesamt über 200 Dichtungen. Das Leben dieses Dichters war, in geistig-geistlicher Sicht mehr noch als im äußeren Ablauf, recht wechselvoll.

    Johann Scheffler wurde 1624 in Breslau geboren. Seine - offensichtlich begüterten - Eltern waren um ihres lutherischen Glaubens willen aus Polen nach Schlesien gekommen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in seiner Heimatstadt, wo schon seine Dichtergabe entdeckt wurde, studierte er in Straßburg Medizin und befasste sich auch mit Philosophie und Geschichte. Ein Jahr später (1644) wechselte er zur holländischen Universität Leiden, in deren Umfeld nach der erkämpften Befreiung von spanischer Herrschaft und der Trennung von der römischen Kirche Scheffler eine Vielfalt an geistigen Strömungen vorfand. Zu den zahlreichen Einheimischen, denen Calvins nüchterne Lehre zu wenig war und die deshalb mehr wollten, kamen Suchende von nah und fern aus vielerlei Minderheiten und Gruppen in die Stadt, die sich aus verschiedenen Gründen von Kirchen getrennt hatten, wie Mennonieten und Wiedertäufer, Spiritualisten und Anhänger mittelalterlicher oder auch jüdischer Mystik und noch andere, die sich alle nach einem vertieften Glaubensleben sehnten. Mit seiner Neigung zum Schwärmertum fühlte sich Scheffler zu diesen Kreisen hingezogen, was ihm den lutherischen Glauben seiner Kindheit und Jugend entfremdete.

    Zum Abschluss seines Studiums ging er dann nach Padua, das er 1648 als Doktor der Medizin und Philosophie verließ. Er kehrte dann in seine schlesische Heimat zurück und wurde Leibarzt des Herzogs von Münsterberg in Oels; finanziell konnte er von den Zinsen des väterlichen Erbes leben. Der Herzog und sein Hofprediger waren strikt lutherisch, letzterer führte ein strenges Kirchenregiment mit Zwang und Zensur, mit viel äußerlicher Etikette und Buchstabenfrömmigkeit.

    Von alledem fühlte sich Johann Scheffler mehr und mehr abgestoßen. Er hielt sich vom Gottesdienst fern, von Beichte und Abendmahl. Er geriet immer mehr in Konfrontation zur kirchlichen Obrigkeit. 1652 gab er seine Stellung als Arzt in Oels auf und zog nach Breslau. Er vertiefte sich noch mehr in die Schriften der alten Mystiker, er kam mit Jesuiten zusammen und trat 1653 zur katholischen Kirche über. In der Kirche St. Matthias in Breslau nahm er bei der Firmung den Namen Johannes Angelus (Bote und Engel) an und fügte zur Unterscheidung von einem Darmstädter Geistlichen gleichen Namens die Herkunftsbezeichnung Silesius - Schlesier - an.

    Die nächsten Jahre Schefflers waren ausgefüllt mit literarischem Schaffen. In seinen Liedern war oft nicht erkennbar, ob sie vor oder nach seinem Übertritt entstanden waren. 1657 erschienen seine bedeutenden und berühmten Dichtungen "Cherubinischer Wandersmann" und "Heilige Seelen-Lust", auch beide frei von konfessioneller Frontstellung, aber mit Mystik und Schwärmerei behaftet. Obwohl er 1654 zum Kaiserlichen Hofmedicus ernannt wurde, hat er sich nie als Arzt bei Hofe betätigt.

    Später stürzte sich Scheffler doch noch in den Konfessionsstreit. 1661 trat er in die Gebetsgemeinschaft, eine Laienorganisation des Franziskanerordens, ein und empfing noch im gleichen Jahr die Priesterweihe. Er wurde zur Seele der Gegenreformation, er wollte die gesellschaftliche Bedeutung der römischen Kirche in seiner Heimat stärken. 1662 bewirkte er, dass auf kaiserlichen Befehl zum ersten Mal nach der Reformation wieder eine Fronleichnamsprozession durch Breslau zog. In den folgenden Jahren schrieb Scheffler, obwohl es seinem Wesen nicht entsprach, häufiger an Streitschriften als an "geistlichen lieblichen Liedern". 1671 zog er sich, des Streitens müde, in das Kreuzherren-Stift in Breslau, ein Jesuitenkloster, zurück, wo er 1677 starb.

    Eine Liedstrophe von ihm:

    Lass meine Seel in deiner Gunst
    aus ihrem Leibe scheiden,
    auf dass an mir nicht sei umsonst
    dein teuerwertes Leiden.
    Nimm sie hinauf zur selben Frist,
    wo du ihr liebster Jesus bist,
    und lass mich ewig leben.






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    Bartholomäus Ziegenbalg
    10. Juli 1682 - 23. Februar 1719

    aus dem Gemeindebrief Nr. 18 (Juni - August 2007), von Walter Löber aus Balhorn


    "Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe." Dieses Wort Jesu an seine noch verbliebenen 11 Jünger, zu lesen am Schluss des Matthäus-Evangeliums, wird als der Taufbefehl bezeichnet, eine Bezeichnung, die m.E. nicht umfassend genug ist und durch Missionsbefehl ersetzt werden sollte. Zumindest einige der 11 Apostel sind nach Berichten damaliger Geschichtsschreiber schon bald missionarisch tätig geworden. Thomas z.B. ist nach Persien und Indien gekommen und hat dort Gemeinden gegründet, deren Glieder bzw. deren Nachkommen Thomas-Christen genannt werden.

    Gut eineinhalb Jahrtausende später wurde wieder auf dem indischen Subkontinent missioniert. Die Sendboten waren Europäer und evangelisch, und Bartholomäus Ziegenbalg, der zu den ersten gehörte, galt und gilt als "Bahnbrecher der evangelischen Weltmission". Das Gebiet war dänische Kolonie, und der dänische König wollte seinen Untertanen in Übersee eine "christliche Belehrung" zuteil werden lassen. Da sich die dänische Kirche dazu nicht bereit fand, ließ er 1705 in Deutschland nach Männern suchen, die geeignet und willig zu diesem Dienst waren. Zusammen mit Heinrich Plütschan wurde Bartholomäus Ziegenbalg "königlich-dänischer Missionar" und fand damit seine Lebensaufgabe.

    Er hatte seit 1703 in Halle Theologie studiert, wo er mit A.H. Francke persönlich in Verbindung trat. Den Entschluss, Theologie zu studieren, hatte er schon mit zehn Jahren gefasst. Nach dem Tod der Mutter in seiner frühsten Kindheit und seines Vaters, eines wohlhabenden Getreidehändlers, nur wenige Jahre später, hatte der im sächsischen Pulsnitz geborene Bartholomäus Ziegenbalg zunächst die Lateinschule in Kamenz, dann das Gymnasium in Görlitz, danach das Friedrich-Werder-Gymnasium in Berlin besucht. Nach dem erwähnten Studium in Halle und vor seiner Berufung in die Missionsarbeit hatte er jeweils für kurze Zeit mehrere Hauslehrer- und Predigerstellen innegehabt.

    Am 8. Oktober 1705 reisten die beiden Kandidaten nach Kopenhagen zu Examen und Ordination und gingen am 19. Nov. 1705 an Bord des (Segel-)schiffes, mit dem sie am 9. Juli 1706 den Hafen Trankebar (Trangnebar) an der Ostküste Südindiens erreichten. Während der Fahrt hatte Ziegenbalg die Schrift "Allgemeine Schule der wahren Weisheit" verfasst. Schon gleich nach ihrer Ankunft bekamen die Missionare die Feindschaft des dänischen Kommandanten Hassius zu spüren, der in ihnen Spione des Königs sah. Sie fanden Hilfe und Beistand bei in dänischem Dienst stehenden deutschen Kolonialsoldaten, die sich gern von den Missionaren seelsorglich betreuen ließen.

    Ziegenbalg lernte zunächst die portugiesische Sprache, dann Portugal war früher hier Kolonialmacht gewesen und Portugiesisch in Trankebar und der ganzen Küstenregion die Umgangssprache. Schon nach vier Monaten wurde der Taufunterricht mit fünf portugiesisch sprechenden Indern begonnen. Doch Ziegenbalg lag vor allem daran, die Eingeborenen in ihrer Muttersprache, dem Tamil, zu erreichen. Zu seiner großen Freude fand er einen Tamilischen Dolmetscher, der neben seiner Muttersprache Portugiesisch, Dänisch und Deutsch verstand. Mit ihm erarbeitete er sich die erforderlichen Sprachkenntnisse, vor allem in Tamil. Bald wurde auch in der weiteren Umgebung bekannt, dass in Trankebar ein Europäer lebe, der nicht handle und betrüge und ein ausschweifendes Leben führe wie seinesgleichen, sondern mit ihresgleichen in ihrer Sprache spreche und über Gott rede. Bald begann Ziegenbalg mit dem Taufunterricht in Tamil mit großer Beteiligung und noch in 1707 wurde die erste indische Missionskirche geweiht. Ziegenbalg konnte weiterhin im Segen wirken und brachte viele Menschen zum christlichen Glauben. Er gründete Schulen verschiedenster Art und verfasste Bücher und Schriften, zum einen die Sprache, zum anderen Religion und Kultur der Einheimischen betreffend. Er übersetzte das Neue Testament ins Tamil.

    Doch seine Feinde ließen nicht nach, ihn in seiner Arbeit zu behindern. Das waren "vor Ort" indische Priester und ein Jesuitenpater, vor allem aber der schon genannte Kommandant Hassius, der erreicht hatte, dass die Missionare ihm unterstellt wurden. Er konnte es lange verhindern, dass Ziegenbalg eine geplante Reise nach Europa antreten konnte, wo er von radikal-pietistischen Kreisen angefeindet wurde. Die Reise und der Aufenthalt in Europa fanden dann 1714 - 1716 statt. Er besuchte seine Freunde und Förderer in Halle, Kopenhagen und London, erfuhr von seiner Ernennung zum Propst und von Hassius' Abberufung, er konnte beträchtliche Geldmittel aus Kollekten für seine Arbeit in Empfang nehmen, und er heiratete. Seine Gattin wurde die erste deutsche Missionarsfrau, die ihrem Ehemann auf das Missionsfeld folgte. Wieder in Indien, machten sich bei ihm die über ein Jahrzehnt währende rastlose Arbeit und der endlose Streit mit seinen Widersachern bemerkbar. Seine Kräfte waren verzehrt, er wurde krank und starb, man muss es so sagen, an Erschöpfung im Alter von nur 36 Jahren.






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    Christian Fürchtegott Gellert
    4. Juli 1715 - 13. Dezember 1769

    aus dem Gemeindebrief Nr. 17 (Feb. - Mai 2007), von Walter Löber aus Balhorn


    Christian Fürchtegott Gellert war und ist eigentlich mehr als "weltlicher" Schriftsteller und Dichter bekannt, besonders auch wegen seiner Fabeln. Er gilt allgemein nicht als Schöpfer von Kirchenliedern, doch in unserem Gesangbuch finden wir sieben Lieder von Gellert, wovon die meisten auch im renitenten Gesangbuch stehen, das zusätzlich noch zwei weitere enthält. Von Gellerts Liedern seien besonders erwähnt: das Weihnachtslied "Dies ist der Tag, den Gott gemacht" und das Osterlied "Jesus lebt, mit ihm auch ich". Bei ersterem zeigt die Strophe "Wenn ich dies Wunder fassen will, so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; er betet an und er ermisst, dass Gottes Lieb unendlich ist", wie Gellert die biblische Botschaft aufgenommen hat.
    Obwohl er in Leipzig Philosophie und Theologie studiert hatte und es ihn drängte, Gott zu dienen und ihn zu ehren sowie den Mitmenschen Seelsorger zu sein, konnte er sich doch wegen seiner "schwachen Brust" nicht dazu entschließen, Pfarrer zu werden. Ab 1739 war er Erzieher der Söhne einer adligen Familie, konnte daneben seine Studien fortsetzen und auch akademische Grade erwerben (1742 Magister, später Dr.), so dass er ab 1745 als Privatdozent an der Universität Leipzig Vorlesungen über "Schöne Künste, Moral und Redekunst" halten konnte und 1751 zum außerordentlichen Professor der Poesie und Beredsamkeit ernannt wurde. Wegen seiner zunehmenden körperlichen Schwachheit nahm er 1761 eine Berufung zum ordentlichen Professor für Philosophie nicht an.
    Von den Studierenden wurde er sehr verehrt, er war ihnen eine Vaterfigur. Aber auch sonst genoss er bei Jung und Alt, bei "Hoch und Niedrig" hohes Ansehen, zum einen als Gelehrter, zum anderen als Schriftsteller und Dichter. Friedrich der Große sagte von ihm: "Das ist der vernünftigste unter den deutschen Gelehrten". Gelobt wurden auch Gellerts Bemühungen um den rechten Gebrauch der Sprache. Auch aus diesem Grunde fanden die aus seiner Feder stammenden Werke der verschiedensten Art großen Anklang.
    Geschrieben hatte er schon als 14-19jähriger Schüler der Fürstenschule im sächsischen Meißen, auf der er die Hochschulreife erlangte. Das ebenfalls in Sachsen liegende Hainichen, wo er als neuntes von 13 Pfarrerskindern aufgewachsen war, wurde im Siebenjährigen Krieg als Geburtsort Gellerts wegen dessen hohem Ansehen von durchziehenden preußischen Truppen weitgehend verschont.
    Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Gellert in Leipzig, wo er an der Universität zu-nächst studierte und später lehrte. Er verteidigte den christlichen Glauben gegen Aufklärung und Rationalismus, er betrieb Seelsorge am Volk durch Schriften und Vorlesungen.
    Mit den Jahren verschlimmerte sich sein körperliches Leiden, was seine schon immer unterschwellig vorhandene Schwermut zunehmend verstärkte. Am 13. Dezember 1769 wurde Christian Fürchtegott Gellert, unverheiratet geblieben, durch den Tod von allen körperlichen und seelischen Qualen erlöst. Zu seinem Grab in Leipzig fanden in den ersten Wochen regelrechte Wallfahrten statt.
    Aus Gellerts "Ermunterung, die Schrift zu lesen" noch folgende Verse:

    Halt fest an Gottes Wort;
    es ist dein Glück auf Erden,
    und wird, so wahr Gott ist,
    dein Glück im Himmel werden.

    Verachte christlich groß
    des Bibelfeindes Spott;
    die Lehre, die er schmäht,
    bleibt doch das Wort aus Gott.






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    August Friedrich Christian Vilmar
    21. November 1800 - 30. Juli 1868

    aus dem Gemeindebrief Nr. 16 (Dez. 2006 - Feb. 2007), von Walter Löber aus Balhorn


    Im Jahre 1852 nach dem Tode des letzten von drei nacheinander seit 1780 in Balhorn und Altenstädt amtierenden, im damals herrschenden Vernunftglau-ben lebenden Pfarrern beschreibt August Vilmar, Konsistorialrat in Kassel und Stellvertreter des Superintendenten, die zwei Gemeinden als "in Trägheit und Glaubensfinsternis versunken". Um diesen Zustand zu beenden sorgte Vilmar, auch auf Bitten des Balhorner Bürgermeisters und einiger Gemeindeglieder, für die Berufung bibel- und bekenntnistreuer Seelsorger. Da war zunächst Pfr. Georg Ernst Schmidtmann, der im Oktober 1852 sein Amt antrat, aber schon vier Monate später 47-jährig starb. Dann kam bekanntermaßen Pfr. Ludwig Saul nach Balhorn, dessen jahrzehntelanger Dienst entscheidende und nachhaltige Wirkung hatte.

    August Friedrich Christian Vilmar, offiziell Stellvertreter des Superintendenten, musste diesen wegen dessen altersbedingter Dienstunfähigkeit dauerhaft vertreten und übte dieses kirchenleitende Amt seit 1851 aus. Seit 1850 leitete er bereits in der kurfürstlichen Regierung das Kultusministerium, was er auch beibehielt. Er hatte sich gleich nach der Übernahme des Regierungsamtes, vor seiner Berufung in die Superintendentur, um eine von drei Pfarrstellen an der Martinskirche beworben. Die Kirchenvorsteher dort waren aber alle reformierten Bekenntnisses und lehnten den Lutheraner Vilmar heftig ab. Sie drohten mit Niederlegung ihres Amtes und sogar mit Auflösung der Gemeinde. Vilmar zog seine Bewerbung zurück und wurde dann mit dem erwähnten kirchenleitenden Amt betraut.

    Bevor er diese zwei Ämter in Kassel übernahm, war er jahrzehntelang erst Gymnasiallehrer, dann -direktor gewesen, ersteres in Hersfeld, letzteres in Marburg. In den Schuldienst war er gekommen, man kann auch sagen "abgeschoben", weil er nach Theologiestudium und Ordination als junger Pfarrer schriftgemäß und nach lutherischem Bekenntnis lehrte und predigte und auch vermahnte und deshalb den rationalistisch oder auch calvinistisch gesonnenen Kirchenoberen ein Dorn im Auge war.

    In den Revolutionswirren von 1848 stand Vilmar fest auf der Seite des Kurfürsten. Vilmar richtete an diesen aber auch, wahrscheinlich mehrmals, bei verschiedenen Anlässen, die Aufforderung: "Geben Sie die Kirche frei"! Dazu muss man wissen, dass seit Jahrhunderten in Hessen der Landesherr nach der Verfassung auch der weltliche Herr der Kirche war. Da durch ein kurhessisches Gesetz vom Oktober '48 die Übernahme eines öffentlichen Amtes vom Glaubensbekenntnis unabhängig geworden war, konnte man, so Vilmar, es für die Zukunft nicht ausschließen, dass ein nicht christlicher Landesherr auch in der Kirche das Sagen hatte. Vilmar führte noch weitere Gründe gegen den Verbleib des Kirchenregiments bei weltlichen Herrschern an. Es änderte sich aber nichts. 1855 hätte der Kurfürst den Superintendenten und Minister Vilmar für eine weitere Periode im Amt bestätigen müssen, wozu ihm Ratgeber und Minister rieten, doch der Kurfürst lehnte es ab. August Vilmar fand dann eine neue Aufgabe in Marburg als Professor. Er hat hier wie in allen seinen Ämtern Gottes Wort unverfälscht verkündet und stets Luthers Lehre als das Bekenntnis seiner hessischen Kirche bezeichnet und auf die im Jahrhundert der Reformation verfassten auch in Hessen unterzeichneten Bekenntnisschriften verwiesen. Besonders hervorgehoben hat Vilmar die Unterschrift des Landgrafen Philipp unter dem Augsburger Bekenntnis, sowie die 1532 verfasste Kirchenordnung. Die 1873/74 entstandene "Hessische Renitenz" ist im Wesentlichen in Vilmars Lebenswerk begründet. Er hat dieses Geschehen nicht mehr erlebt, er starb 1868.

    Für uns interessant ist noch, dass Prof. Vilmar am 27. Mai 1863 in Balhorn auf dem Missionsfest predigte. Die Predigt kann man lesen in Pfr. Rathjes Buch "Christlicher Glaube" auf Seite 73.






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    Joachim Neander
    1650 - 31. Mai 1680

    aus dem Gemeindebrief Nr. 15 (Juli - Nov. 2006), von Walter Löber aus Balhorn


    "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", dieses Lob- und Danklied ist, modern ausgedrückt, ein Hit unter den Chorälen. Es wird, außer in Gottesdiensten, zu vielerlei Anlässen gesungen und ist in viele Sprachen übersetzt worden. Betrachtet man den Text genauer, erkennt man, dass da viele Bibelstellen, besonders aus den Psalmen, anklingen, z.B. Ps. 57,9, Ps. 103,1, Ps. 24,8 u.a.

    Vom Dichter des Liedes, Joachim Neander, sind noch einige Liedtexte sowie auch von ihm komponierte Melodien in unserm Gesangbuch zu finden (Verzeichnis Seite 1156, Nr. 201).

    Sieht man auf seine Lebensdaten, so erkennt man, dass Joachim Neander nur 30 Jahre alt geworden ist. Dieses kurze Leben begann 1650 in Bremen, wo sein aus einer alten Pfarrerfamilie stammender Vater Lehrer an der Lateinschule war, aber schon 1666 starb. Im gleichen Jahr begann Joachim Neander sein Studium in seiner Heimatstadt. Er studierte Theologie, aber zunächst nur aus Tradition, ohne innere Überzeugung oder Berufung. Die ersten Studienjahre verbrachte er, wie er später selbst sagte, "mit dem großen Haufen in Eitelkeit der Sinne, Unandacht gegen Gott und in Gleichgültigkeit gegen sein Seelenheil".

    In jener Zeit wurde der Pfarrer Theodor Undereyk an die Bremer Kirche St. Martini berufen. Er hatte bald den Ruf eines gewaltigen Buß- und Bekehrungspredigers. Er führte Kinderunterricht und Christenlehre und auch private Erbauungsstunden ein und wurde von Studenten und anderen jungen und nicht mehr jungen Menschen bekämpft und verspottet. In diesem Zusammenhang besuchte Neander mit zwei Kameraden einen Gottesdienst des Pfarrers Undereyk, um dort "Munition" gegen diesen zu sammeln. Doch die Worte des begnadeten Predigers und Beters Undereyk trafen Neander ins Herz. "Das war sein Damaskus" schreibt ein Biograph. Von nun an ist sein Leben anders.

    Er suchte sogleich Undereyk auf, vertraute sich ihm an und sah in ihm seinen geistlichen Vater. Dieser verschaffte ihm später eine Stelle als "Informator" von Söhnen wohlhabender Kaufleute aus Frankfurt, die er zum Studium nach Heidelberg begleiten und dort betreuen musste, wobei ihm aber selbst auch noch eigene Studien möglich waren. Als er nach zwei Jahren seine "Zöglinge" nach Frankfurt zurückgebracht hatte, blieb er auf den Rat Undereyks dort, lernte u.a. Philipp Jakob Spener und die lutherische Variante des Pietismus kennen, denn in Bremen und Nordwestdeutschland, in reformierter Umgebung, war der Pietismus reformiert geprägt.

    In Frankfurt übernahm er Vertretungsdienste für die dortigen Pfarrer, vor allem aber nahm er auch an den Erbauungsstunden Speners teil, der ihn wohl an die Vatergestalt Undereyks erinnerte.

    1674 wurde er Rektor der Lateinschule der reformierten Gemeinde in Düsseldorf und damit auch Hilfsprediger. Bei Schülern und Erwachsenen war er beliebt. Er führte dann auch, wie er es von Spener und Undereyk kannte, private Erbauungsstunden ein, die auch viel Zuspruch fanden. Doch damit kam es auch zum Streit mit den Pfarrern und Kirchenoberen, in dessen Verlauf dem Rektor und Hilfsprediger viele sonst kaum beachtete Kleinigkeiten als Verfehlungen in der Ämterführung vorgeworfen wurden. Er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück, nachdem er auf seine Ämter hatte verzichten müssen. Er verließ dann auch die Stadt, um sich im Tal der Düssel niederzulassen, wo er schon vorher mit Gleichgesinnten öfter gewesen war. Er hielt hier seine Erbauungsstunden und es wird vermutet, dass Menschen aus Nah und Fern herzu kamen.

    Nach mündlicher Überlieferung nannte man seinen Standplatz, von dem aus er zu den Versammelten sprach, "Neanders Stuhl", die Höhle dort, die sein Zufluchtsort und zeitweiliges Zuhause war, "Neanders Höhle" und die Gegend wurde schließlich zum "Neandertal". Die hier 1856 gefundenen menschlichen Skelettteile wurden als von einem steinzeitlichen Menschentyp stammend identifiziert, der dann als der "Neandertaler" bekannt wurde und bei dessen Erwähnung man heute eigentlich immer an den Liederdichter erinnert wird.

    Joachim Neander war schon seit dem Verlust seiner Düsseldorfer Ämter auf der Suche nach einem Pfarramt, doch wegen der weithin bekannt gewordenen Vorgänge in Düsseldorf wurde er überall abgelehnt. Schließlich erreichte ihn 1679 ein Ruf in seine Heimatstadt Bremen an die Kirche St. Martini, wo er bei seinem Förderer Theodor Undereyk dritter Prediger wurde und wo er täglich um 5 Uhr den Frühgottesdienst in der auch im Winter ungeheizten Kirche zu halten hatte. Hier in Bremen gibt er auch die Sammlung seiner Lieder, 57 an der Zahl, heraus. Ohne ordiniert worden zu sein und unverheiratet, stirbt er nach längerem Krankenlager mit 30 Jahren.

    Eine Liedstrophe von ihm:






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    Johann Crüger
    09.04.1598 - 23.02.1662

    aus dem Gemeindebrief Nr. 14 (März - Juli 2006), von Walter Löber aus Balhorn


    Weil zu einem Lied Text und Melodie gehören und an dieser Stelle schon von etwa einem Dutzend Textdichter zu lesen war, aber erst von einem Melodienschöpfer (Johann Walter), ist hier nun etwas über Johann Crügers Leben und Werk geschrieben.

    In Groß-Breesen bei Guben, wo sein Vater den "Dorfkrug" in Erbpacht hatte, war er 1598 geboren und hatte dort ab 1610 die Lateinschule besucht. Eine ausgedehnte Bildungsreise führte ihn 1613-1615 u.a. nach Sorau, Breslau und - vermutlich für ein Jahr - nach Regensburg, wo er sich vor allem in der Musik hervorragend weiterbilden konnte. 1615 kam Crüger in die damalige kurfürstliche Residenzstadt Berlin und wurde Hauslehrer, konnte aber auch seine eigene Bildung am Berliner Gymnasium noch ergänzen.

    1619 und 1620 ließ er aus Anlass zweier Hochzeiten erste Kompositionen erscheinen. 1622 wurde eine größere Sammlung von Werken Crügers gedruckt, welche er vier Berliner Bürgern gewidmet hatte, die er seine "Gönner und Freunde" nannte. Er hatte seit 1620 in Wittenberg Theologie studiert und wurde nun zum Kantor an der Berliner Nicolaikirche berufen, was er dann vier Jahrzehnte bis an sein Lebensende bleiben sollte.

    Neben seiner gemeindlichen Kantorentätigkeit wirkte er als Musikpädagoge und Verfasser musikwissenschaftlicher Werke, zu Choralmelodien komponierte er Chor- und Instrumentalsätze, vor allem aber war er, was für uns Laien bedeutsam ist und zum Anfang dieser Lebensbeschreibung zurückführt, der begnadete Schöpfer zahlreicher Gesangbuchmelodien. Mit Paul Gerhardt war er befreundet und hat einen Großteil von dessen Dichtungen vertont, nicht erst nach Gerhardts Berufung an Crügers Wirkungsstätte, die Nicolaikirche, in 1657. Aber auch zu den Texten anderer Dichter hat er die Melodien geschaffen.

    Von den bekanntesten seiner Melodien seien hier einige genannt: "Wie soll ich dich empfangen", "Fröhlich soll mein Herze springen", "Auf, auf mein Herz mit Freuden", "Schmücke dich, o liebe Seele", "Nun danket alle Gott". Crüger hat auch eine Anzahl schon vorhandener Melodien bearbeitet und in die heutige Form gebracht. Dazu gehören z.B. "Herzliebster Jesu", "Nun lasst uns Gott dem Herren", "Nun danket all und bringet Ehr". Crüger gab 1640 sein erstes Gesangbuch heraus, nicht nur mit von ihm vertonten Liedern. Von einem neu gestalteten Gesangbuch mit den meisten bis dahin seit der Reformation entstandenen Liedern erschien 1647 die erste Auflage, nach einigen Überarbeitungen und Erweiterungen 1661 die zehnte.

    Im Dreißigjährigen Krieg hatte Berlin zeitweise unter Hunger und Pest zu leiden. Crüger erkrankte 1639 auch an der Pest, wurde aber wieder gesund. Weil er und seine Familie doch auch manchmal unter wirtschaftlicher Not zu leiden hatten, setzte sich der Rektor des Gymnasiums, an dem Crüger auch zu unterrichten hatte, für eine bessere Versorgung des Kantors und Lehrers ein mit den Worten: "Schwierig ist es, mit leerem Bauch Melodien zu erfinden."

    Crüger war zweimal verheiratet, aus der ersten Ehe hatte er fünf Kinder, aus der zweiten 14. Viele der Kinder sind früh verstorben, es gibt aber jetzt noch direkte Nachkommen von Johann Crüger. Er verstarb 1662, von einer evtl. Krankheit, die zu seinem Tode führte, ist nichts bekannt.






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    Nikolaus Herman
    (1500 - 3. Mai 1561)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 13 (Dez. 2005 - Feb. 2006), von Walter Löber aus Balhorn


    1524 las in Joachimsthal (Böhmen) der junge "Kantor und Schulmeister" Nikolaus Herman die von Luther verfasste Schrift "An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen", worin der Reformator die Notwendigkeit guter, christlich geprägter Schulbildung betonte und als Voraussetzung dafür fleißige und gewissenhafte Lehrer nannte. Obwohl sich Nikolaus Herman ohne Selbstüberschätzung als solcher hätte sehen können, fühlte er sich doch durch Luthers Schrift zu noch größerer Hingabe und Treue in seiner Arbeit gedrängt. Er war seit 1517 oder 1518 Lehrer und Kantor in Sankt Joachimsthal, der Stadt, die eben in jenen Jahren einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte durch den wieder begonnenen Abbau und die Verarbeitung der dortigen Silbererzvorkommen. Viele Menschen von nah und fern siedelten sich in der Stadt an. Der adlige, christlich gesonnene Bergwerksbesitzer und Grundherr, der selbst (noch?) kein Anhänger der Reformation war, ließ es zu, dass sich neben der vorhandenen katholischen Kirchengemeinde eine Gemeinde der Böhmisch-Mährischen Brüder bildete, die auch eine Schule betreiben konnte, an der Nikolaus Herman unterrichtete.

    Über sein Geburtsjahr herrschte jahrhundertelang Ungewissheit. In seinen Schriften bezeichnete er sich oft als der "alte Greis". Daher kommt es wohl, dass in allen älteren Biographien "geboren um 1480" zu lesen ist, auch in unserem Gesangbuch unter Nr. 34 im Verzeichnis der Dichter und Komponisten, wo auch die Angabe "1523 evangelisch geworden" mit anderen Lebensbe-schreibungen nicht übereinstimmt. Neuere Forschungen, insbesondere nach dem Auftauchen eines von einem unbekannten Maler geschaffenen, mit einer Inschrift versehenen Ölbildes von Nikolaus Herman haben ergeben, dass er erst im Jahre 1500 geboren ist. Als Geburtsort nennt er selbst Altdorf bei Nürnberg. Über seine Eltern ist ebenso wenig bekannt wie über seine Schulbildung.

    Genaueres über seinen Lebensweg wird erst ab 1517/18 berichtet, dem erwähnten Beginn seiner Tätigkeit in Joachimsthal. In den ersten Jahren hat er hier wohl nicht von allen Seiten Anerkennung erfahren und unter Vorurteilen gelitten wegen seiner Jugend und seiner Herkunft. Doch er hatte auch Freunde, die ihm Mut zusprachen, auch Luther schrieb ihm 1524 einen Brief und bat ihn, auszuharren. So blieb denn Joachimsthal seine lebenslange Wirkungsstätte. Erfreulich war für ihn die Berufung von Johannes Mathesius 1532 zum Schulleiter und 1542, nach einem Studienaufenthalt in Wittenberg, zum ersten lutherischen Pfarrer in Joachimsthal.

    Nikolaus Herman versah seinen Dienst als Lehrer und Kantor in Treue und Demut. Musik und Gesang gehörten für ihn zu den wichtigsten Dingen im Leben. Weil er für seine Schulkinder wenig kindgemäße Lieder vorfand, ging er ans Werk und fing an, selbst solche zu schreiben. Daraus sollte sich ein umfangreiches dichterisches Schaffen entwickeln, die Zahl der von Herman verfassten Lieder wird mit 176 angegeben. Zu vielen seiner Lieder hat der Kantor auch die Melodie geschaffen.

    Von seinen Liedern in unserem Gesangbuch seien einige besonders erwähnt: Das Weihnachtslied "Lobt Gott, ihr Christen alle gleich", das in Text und Melodie Christfestfreude zum Ausdruck bringt, das österliche "Erschienen ist der herrlich Tag", in dem Christus als der siegreiche Erlöser verherrlicht wird, weiter das Lied "Ein wahrer Glaube Gottes Zorn stillt", welches die große Bedeutung der christlichen Nächstenliebe zum Inhalt hat, dass sie Menschen als Christen kennzeichnet und von ihnen auf vielfältige Weise praktiziert wird. Ferner sind noch zwei viel gesungene Lieder Hermans zu nennen, zum einen das Morgenlied "Die helle Sonn' leucht't jetzt herfür", zum andern das Abendlied "Hinunter ist der Sonne Schein".

    In unserm Gesangbuch lesen wir unter allen seinen Liedern die Jahreszahl 1560. In jenem Jahr erschien ein erstes Büchlein mit 101 Liedern Nikolaus Hermans, die in den Jahrzehnten vorher entstanden waren. Herman hatte 1557, an Gicht leidend, schweren Herzens sein Amt aufgeben müssen und war ehrenvoll und feierlich aus dem Schuldienst verabschiedet worden. Mit der ihm noch verbliebenen Kraft hatte er sich dann verstärkt seinem literarischen Wirken gewidmet, vor allem auch das bereits Vorhandene gesammelt, was zu der erwähnten Buchausgabe führte. Eine von ihm vorgenommene Zusammenstellung weiterer Lieder, mit Vorwort von ihm, wurde erst 1562, ein Jahr nach seinem Tode, herausgegeben.

    Nikolaus Herman, der verheiratet war und zwei Töchter und einen Sohn hatte, starb still und friedlich am 5. Mai 1561.






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    Wilhelm Löhe
    (21. Februar 1808 - 2. Januar 1872)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 12 (Sept. - Nov. 2005), von Walter Löber aus Balhorn


    Wenn wir Älteren in den Gemeinden Balhorn und Altenstädt von Wilhelm Löhe hören oder lesen, erinnern wir uns wohl daran, dass ihn Pfr. Rathje in Predigt und Christenlehre (als es diese noch gab) und bei anderen Gelegenheiten oftmals erwähnte und auch manchmal zitierte. Löhe gilt als einer der großen lutherischen Prediger und Bekenner des 19. Jahrhunderts (wie z.B. August Vilmar und Louis Harms), die gegen Vernunftglauben und später gegen Unio-nismus stritten und "Gottes Wort und Luthers Lehr' " predigten. Wilhelm Löhe hat aber auch in den Bereichen Diakonie und Mission segensreich gewirkt. Von seinem Leben und Dienen soll nun im Folgenden berichtet werden.

    Er wurde 1808 in Fürth als Sohn eines Kaufmanns und Ratsherren geboren und verlor seinen Vater schon mit acht Jahren. Obwohl er noch fünf Ge-schwister hatte, setzte seine Mutter alles daran, ihrem Sohn Wilhelm den Be-such des Gymnasiums und das Theologiestudium zu ermöglichen, denn er hatte sich schon als Kind zu Kirche und Gottesdienst und göttlichen und geist-lichen Dingen und Themen hingezogen gefühlt und davon geträumt, Pfarrer zu werden. Er studierte 1826-30 im nahen Erlangen, mit Ausnahme eines Semesters 1828 in Berlin. Nach seiner Ordination 1831 kam Löhe, der eigent-lich gern in einer größeren Stadt als Prediger und Seelsorger wirken wollte, zu verschieden langen Aushilfsdiensten in zwölf Gemeinden, darunter auch als einzige städtische Gemeinde St. Egedien in Nürnberg. Hier konnte er in 1834/35 neun Monate lang segensreich tätig sein. Seine Predigten waren bald Stadtgespräch und zogen viele Menschen aus allen Bevölkerungsschichten in das oft übervolle Gotteshaus. Einflussreiche Bürger versuchten vergeblich, Löhes Berufung nach Nürnberg zu erreichen.

    So nahm er schließlich 1837, etwas widerstrebend, einen Ruf nach Neuendet-telsau an, an den Ort, an dem er sein Lebenswerk vollbringen sollte. Vor dem Umzug heiratete er eine seiner Nürnberger Konfirmandinnen. Nach nur sechs-jähriger Ehe verlor er seine Ehefrau und Mutter seiner vier Kinder durch den Tod. Diesen Verlust verwand Wilhelm Löhe nie. Zu einer zweiten Heirat konn-te er sich nicht entschließen.

    Seine Gemeinde war durch die gesegnete Tätigkeit seines bekenntnistreuen und glaubensstarken Vorgängers nicht - wie damals oft zu finden, auch in Balhorn und Altenstädt - durch Vernunftglauben und Gleichgültigkeit geprägt. So fand Wilhelm Löhe "gutes Land" vor, wo der Same des Wortes Gottes auch weiterhin reiche Frucht bringen sollte. Seine Predigten zogen auch hier wieder prominente Gäste von auswärts an. Seine Predigten wurden auch ge-druckt und gelangten zu vielen Menschen. Darüber hinaus verfasste er aber auch, wie schon in seinen "Wanderjahren", Schriften und Bücher, zum einen solche für Laien zur Stärkung des Glaubens, zu Unterweisung und Erbauung, zum anderen welche, die an Theologen, besonders Kirchenobere, und an Re-gierende gerichtet waren und falsche Lehren und Missstände anprangerten. 1848 nahm er eine Einladung zu einem Kirchentag in Wittenberg nicht an, weil dort eine nicht vorhandene Einheit angedeutet würde, "nicht ohne tiefen Schmerz über unsere zerrissenen kirchlichen Zustände". Die evang. Kirche in Bayern, die damals praktisch uniert war, wurde vor allem durch Löhes Wirken wieder zu einer lutherischen Kirche, die sie heute noch ist.

    Als Löhe Ende 1840 Kenntnis erhielt von der mangelhaften geistlichen Ver-sorgung der deutschen lutherischen Siedler in Nordamerika, fühlte er sich ge-fordert. Schon 1842 wurden die ersten von ihm ausgebildeten "Nothelfer", wie er sie nannte, nach dort ausgesandt. Später entstand daraus die Neuendet-telsauer Missionsanstalt, die noch mehrere andere Missionsfelder erschloss und erst nach Löhes Tod ihr Hauptarbeitsgebiet in Neuguinea fand.

    Wilhelm Löhe, dessen Name 1854 schon in der ganzen lutherischen Welt be-kannt war durch seine Predigten, seinen Kampf für die lutherische Kirche und seit einem Jahrzehnt durch die Unterstützung der deutschen lutherischen Christen in Nordamerika, begann nun den schon länger gehegten Gedanken einer Ausbildungsstätte für Diakonissen in die Tat umzusetzen. Auf dem er-wähnten, von ihm nicht besuchten Kirchentag 1848 in Wittenberg war auf Betreiben J.H. Wicherns (Gemeindebrief Nr. 10) der "Centralausschuß für in-nere Mission" gegründet worden. Eine Bindung an diesen lehnte Löhe ab, weil er ihn für unionistisch hielt, was der "Centralausschuß" allerdings nicht sein wollte. Nach Löhes Vorstellung sollte christliche Liebestätigkeit jedem zugute kommen, der ihrer bedurfte, aber diejenigen, die solche Liebestätigkeit ausüb-ten, sollten eines Geistes und einträchtig im Glauben sein, vor allem auch in der Gemeinschaft des Altars. So gründete er 1854 den "Lutherischen Verein für weibliche Diakonie". Im Mai des gleichen Jahres nahm die Diakonissenan-stalt ihren Dienst auf. In gemieteten Räumen eines Gasthauses wurde mit dem Unterricht begonnen. Noch im selben Jahr wurde ein eigenes Gebäude errichtet, eingeweiht und in Gebrauch genommen. Viele weitere Gebäude entstanden in den folgenden Jahrzehnten, die Anstalt wuchs und wuchs, viele Schwestern wurden ausgebildet, darunter auch einige aus Balhorn. Ihr Dienst geschah und geschieht in den verschiedenen Abteilungen der Anstalt, z.B. in der Betreuung von Schwachsinnigen und Epileptikern, in der Kranken- und in der Altenpflege.

    Löhes rastloses Arbeiten schwächte seinen Körper und machte ihn anfällig für Krankheiten. Ein Nierenleiden, das 1856 begann, und ein Schlaganfall 1863 ließen ihn in seinem letzten Lebensabschnitt viel leiden. Trotzdem gab er die Leitung erst kurz vor seinem Tode ab. Am 2. Jan. 1872 wurde er von Leid und Schmerz erlöst.






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    Gerhard Tersteegen
    (25. Novemver 1697 - 03. April 1769)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 11 (Juni - August 2005), von Walter Löber aus Balhorn


    Gerhard Tersteegens Lieder gehören bei uns wohl nicht gerade zu den bekanntesten und am meisten gesungenen. In unserer Kirche und Gemeinde sind sie erst verhältnismäßig spät in gottesdienstlichen Gebrauch gekommen. In unserem Gesangbuch finden wir zehn. Sie sind dort, wie üblich, mit der Kurzbiografie des Verfassers aufgeführt (Seite 1157, Nr. 203). Die von ihm verfassten geistlichen Lieder hat er in einem Büchlein gesammelt, dessen erste Auflage 1729 33 Lieder enthielt und dessen siebente, letzte 1768 111 umfasste. Dieses Büchlein nannte Tersteegen "Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen". Dieser Titel könnte Schwärmerei oder gar, überspitzt gesagt und umgangssprachlich ausgedrückt, "Gefühlsduselei" vermuten lassen. Aber solcherlei Gedanken erweisen sich bei genauerer Betrachtung seines Liedguts als irrig. Tiefe Herzensfrömmigkeit bestimmte sein dichterisches Schaffen und sein ganzes Leben. Er war 1697 als jüngstes von acht Kindern einer Kaufmannsfamilie im niederrheinischen Moers geboren, verlor sechsjährig seinen Vater, konnte deshalb, obwohl hochbegabt, nicht studieren, machte eine kaufmännische Ausbildung und hatte mit 20 Jahren ein eigenes Geschäft. Doch das Leben eines Geschäftsmannes entsprach nicht seinem Wesen, er gab es bald auf. Er erlernte die Seidenbandwirkerei, ein offensichtlich zu jener Zeit angesehenes und einigermaßen einträgliches Handwerk, bei dessen Ausübung er die Stille und Abgeschiedenheit fand, die seinem Naturell entsprach, ebenso wie der reformierte Pietismus, der in seiner Heimat und den benachbarten Niederlanden weit verbreitet war.

    Tersteegen eignete sich in dieser Zeit im Selbststudium ein umfangreiches theologisches Wissen an. In diesen Jahren hatte er aber auch viel unter leiblichen Beschwerden und schweren inneren Anfechtungen zu leiden. Solches hatte am Gründonnerstag 1724 ein Ende, als ihm nach intensiver Beschäftigung mit der Leidensgeschichte die unerschütterliche Heilsgewissheit zuteil wurde. Er gab nach und nach seine Einsamkeit und seine Zurückgezogenheit auf, er kam mit den Menschen ins Gespräch und war bald für viele so etwas wie ein Seelsorger. Mit der Zeit kam es zu Versammlungen in seinem Wohnzimmer, er wurde zum Laienprediger. Nach einigen Jahren gab er seinen Beruf auf und widmete sich ganz dem Dienst am Nächsten durch Wortverkündigung und durch Rat und Hilfe in inneren und äußeren Nöten. Wohlhabende Gönner, auch aus den Niederlanden, bedachten ihn mit Schenkungen und Vermächtnissen, woraus er seinen kargen Lebensunterhalt bestritt, wovon er aber das Allermeiste zum Nutzen seiner Mitmenschen verwandte. Er eignete sich beispielsweise ein immer größeres medizinisches Wissen an, half den Kranken unter der ärmeren Bevölkerung und gab ihnen die Arznei umsonst.

    Die Pfarrer auf den Kanzeln begannen, gegen ihn zu eifern und erreichten schließlich, dass die Behörden 1740 seine Versammlungen verboten. Sein Verhältnis zur Kirche war immer etwas zwiespältig. Er hat nie daran gedacht, seine reformierte Kirche zu verlassen. Sie war ihm "Erb-Religion", aber das war für ihn das Problem, denn sie war von den meisten Leuten gedankenlos übernommen. Tersteegen litt unter dem "Nam-Christentum", wie er es nannte. Er hielt aber nie seine Versammlungen zur üblichen Gottesdienstzeit ab. Einzelne lutherische und reformierte Pfarrer zählte er zu seinen Freunden.

    Nach dem Verbot seiner Versammlungen war er noch häufiger als bisher bei seinen Freunden und Anhängern in den Niederlanden. In seiner Heimat konnte er die seelsorgerliche Arbeit nur mit Hausbesuchen und Briefen fortführen. Er konnte sich nun auch verstärkt seiner schriftstellerischen Arbeit widmen. Zahlreiche Abhandlungen und Betrachtungen stammen aus seiner Feder.

    Im Jahre 1750, als es von Duisburg aus zu einer Erweckungsbewegung gekommen war, konnte Tersteegen ohne große Widerstände wieder mit seinen Versammlungen beginnen. In den 60er Jahren seines Jahrhunderts ließen seine Kräfte merklich nach und mancherlei Krankheiten plagten ihn. Zuletzt konnte er nicht mehr im Bett liegen und musste die meiste Zeit sitzend verbringen. Am 3. April 1769 wurde er heimgerufen.

                Ein Liedvers von ihm (ELKG 367, Vers 4):





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    Johann Hinrich Wichern
    (21. April 1808 - 07. April 1881)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 10 (März - Mai 2005), von Walter Löber aus Balhorn


    "Innere Mission, was ist das?", so werden heute jüngere Menschen vielleicht fragen. Dieser Begriff, heute nicht mehr gebraucht und durch "Diakonie" ersetzt, wurde von dem, der ihn prägte, so erklärt: "Mitarbeit aller Christen zur Linderung von Not jeder Art, Kampf aller Christen gegen verderbliche Mächte, das ist Innere Mission!" Doch Johann Hinrich Wichern, von dem diese Worte stammen, klagte auch an: "Tausende stehen müßig am Markte, aber es fehlen die Rufer, die Weckstimmen, die Schärfer des Gewissens. Es fehlt die liebende, heiße Sorge, der mutige Angriff zu der großen Arbeit, welche die Arbeit eines Volkes werden muss. Wir haben die lebendig machende Saat: das göttliche Wort; wir haben den lebendigen Segen: die Gabe und die Gnade des heiligen Geistes; wir haben den Acker: das schreiende Bedürfnis - aber es fehlt die Tat."

    Wichern war ein Mann der Tat. Schon als Schüler musste er für Mutter und Geschwister sorgen, nachdem er, 16jährig, seinen Vater durch den Tod verloren hatte. Er gab Privatunterricht, besonders auch Klavierunterricht, was aber alles doch nicht viel einbrachte. So war es ein Segen für ihn und seine Angehörigen, dass er an einer neu gegründeten privaten christlichen "Erziehungsanstalt für Söhne höherer Stände" eine Anstellung fand. Er musste dann seine eigene Schulbildung abbrechen, verlor aber sein Ziel, das Studium der Theologie, nicht aus den Augen.

    Durch seinen Umgang mit den Schülern, die er zu beaufsichtigen und teilweise auch zu unterrichten hatte, kam Wichern zu der Erkenntnis, dass solches Wirken an jungen Menschen zu seiner Lebensaufgabe werden könnte. 1826 schrieb er nach dem Hören einer Predigt über Matth. 18, 1-11 in sein Tagebuch: "Könnte die Menschenfischerei mein Handwerk bleiben lebenslang!"

    Es gelang ihm, sich nebenher für das Studium vorzubereiten, das er im Herbst 1828 in Göttingen beginnen konnte, wobei ein Stipendium und die Unterstützung durch namhafte Gönner seinen Lebensunterhalt sicherstellten. Im März 1830 reiste er über Halle, wo er die von A.H. Francke (Gemeindebrief Dez. 02 - Febr. 03) gegründeten Anstalten besuchte, nach Berlin, um dort sein Studium fortzusetzen und im Herbst 1831 abzuschließen. 1832 legte er in Hamburg sein theologisches Examen ab und wurde der "Kandidat Wichern", der er zeitlebens bleiben sollte, denn er wurde nie ein (Gemeinde-)Pfarrer, ein anderes weites Betätigungsfeld wartete auf ihn.

    Zunächst war er Lehrer an einer von Kindern aus armen Familien besuchten Schule in Hamburg. In deren Umfeld fand sich ein Kreis von Menschen, die solche Familien in ihren Wohnungen aufsuchten, deren Not immer mehr erkannten und ihnen zu helfen suchten. Wichern, einer der aktivsten in diesem Kreis, und einige andere erkannten bald die besondere Gefährdung der in diesem Elend aufwachsenden Kinder und Jugendlichen. Im Oktober 1832 wurde erstmals der Gedanke ausgesprochen, eine "Rettungsanstalt" zu gründen. Alle, die dabei zugegen waren, stimmten zu und waren sich darin einig, dass dann Wichern der Leiter sein müsste.

    Die Freunde setzten nun alles daran, den Gedanken in die Tat umzusetzen. Karl Sieveking, ein angesehener Hamburger Jurist und eifriger Verfechter des Planes erwarb ein altes heruntergekommenes strohgedecktes Bauernhaus mit großem Grundstück und stiftete es für die gute Sache. Nach seinem früheren Besitzer hieß es "Ruges Hus", woraus "Rauhes Haus" wurde, der heute noch gültige Name. Sieveking, Wichern und ihre Mitstreiter betrieben nun zum einen die Instandsetzung des Gebäudes, zum andern unternahmen sie die notwendigen Schritte zur Gründung eines Trägervereins und vor allem zur Beschaffung der nötigen Mittel. Im September 1833 schilderte Wichern vor einer großen Versammlung Hamburger Bürger die leibliche und seelische Not in den Elendsvierteln, vor allem auch die Verwahrlosung der Kinder dort. Er beschwor die Versammelten, ihren Teil zu einer Änderung dieser Zustände beizutragen. Viele, besonders ältere, Anwesende waren gegenüber dem jungen Mann zunächst skeptisch und misstrauisch, waren dann aber beeindruckt von der Eindringlichkeit seiner Rede. Sie wurden Mitglieder des Vereins und förderten das Werk nach Kräften.

    Am 31. Oktober 1833 zog Wichern mit seiner Mutter und zwei Geschwistern in das Haus ein. Einige Tage danach kamen die ersten drei Jungen, weitere folgten, bis zum Jahresende waren es zwölf. Fünf bis achtzehn Jahre waren sie alt, und es wurden immer mehr. Im nächsten Jahr wurde schon ein zweites Haus gebaut. Es entstand nach und nach ein Dorf, das 1850 13 Häuser, im Jahre 1883 30 umfasste. In jedem Hause war eine Gruppe von 12 bis 14 Kindern aus jeweils etwa vier Jahrgängen. Für die Betreuung und Erziehung der ihm anvertrauten jungen Menschen suchte Wichern jüngere Handwerker zu gewinnen, die bereit und geeignet waren, in christlicher Verantwortung diese Aufgabe zu übernehmen. Bald erkannte Wichern die Notwendigkeit der Ausbildung der "Brüder", wie seine Mitarbeiter genannt wurden. 1837 wurde damit begonnen, 1844 gab man der Sache einen Namen: Brüderanstalt des Rauhen Hauses. Viele der hier ausgebildeten Brüder wurden auch von auswärtigen Anstalten in ihren Dienst gerufen. Wichern hatte nun auch einige leitende Mitarbeiter und konnte, wozu er sich innerlich gedrängt fühlte, in andere Städte und Gebiete Deutschlands reisen, um dort den Sinn für die Arbeit unter den Armen zu wecken und Anregungen zur Gründung von Vereinen für Innere Mission zu geben. Auf einem Kirchentag in Wittenberg 1848 wurde durch Wicherns Initiative der "Centralausschuß für Innere Mission" gegründet.

    Weil er sich dann auch um die Zustände in den Gefängnissen kümmerte und das Leben der Insassen erträglicher zu machen suchte, erreichte ihn 1857 von Konsistorium und preußischer Regierung ein Ruf nach Berlin, um das Gefängniswesen in Preußen zu reformieren. Er nahm die Berufung an unter der Bedingung, die Hälfte seiner Zeit in Hamburg für sein Lebenswerk tätig sein zu können.

    Die jahrzehntelange rastlose Arbeit hatte bei Wichern dann doch ihre Spuren hinterlassen. 1866 erlitt er einen ersten Schlaganfall, von dem er sich jedoch bald erholte. 1873 konnte er noch das 40jährige Jubiläum des Rauhen Hauses erleben. Doch seine Kräfte nahmen ab, aber erst nach einem Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen im April 1874 bat er um Entlassung aus dem Staatsdienst. Für Wichern, der seit 1835 mit einer Mitstreiterin aus der Anfangszeit des Besuchsdienstes verheiratet war und, für ihn ein schwerer Schlag, einen Sohn im Kriege 70/71 verloren hatte, begann nun eine siebenjährige Leidenszeit, bis er im April 1881 heimgerufen wurde.

    "Vater der Inneren Mission" und "Herold der Inneren Mission" wurde und wird er genannt. Vom früheren Bundespräsidenten Heuss stammt der Ausspruch über Wichern: "Er hatte keine Zeit, ein großer Theologe zu werden, da es ihm eilte, ein guter Christ zu sein."






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    Johann Rist
    (08.03.1607 - 31.08.1667)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 9 (Dezember 2004 - Februar 2005), von Walter Löber aus Balhorn


    "Auf, auf, ihr Reichsgenossen, eur König kommt heran!", so singen wir in der Adventszeit, in welcher dieser Gemeindebrief erscheint. Dieses Lied entstand 1651, als sein Dichter Johann Rist schon 16 Jahre Pfarrer in Wedel (Holstein) war und schon viele Liedtexte geschrieben hatte. Die Zahl der von ihm verfassten Lieder wird mit 659 angegeben, von denen etwa 230 in gottesdienstlichen Gebrauch kamen. In unserem Gesangbuch finden wir davon noch neun, aufgeführt im Verzeichnis der Dichter und Komponisten unter Nr. 144, wo allerdings das Jahr seines Amtsantritts in Wedel falsch angegeben ist (1633 statt 1635).
    Von den Liedern Johann Rists ist wohl eines einer besonderen Betrachtung wert: Das Weihnachtslied "Ermuntre dich, mein schwacher Geist…", welches, obwohl im renitenten Gesangbuch stehend, in Balhorn erst in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts erstmalig bei uns im Gottesdienst gesungen wurde. Dieses Lied lässt wohl am besten die dichterische Kunstfertigkeit und auch die tiefe persönliche Gläubigkeit des Verfassers erkennen. Beeindruckend sind die Vielfalt, die Fülle und die Dichtheit der Beschreibungen und Lobpreisungen des Weihnachtsgeschehens. Ursprünglich hatte das Lied noch weitere Strophen. Diese fielen, wie auch Strophen anderer Lieder Rists, der "Bändigung der Bilderflut" zum Opfer, wie es ein Biograph ausdrückt.
    Für sein umfangreiches, viel beachtetes und viel gerühmtes dichterisches Schaffen wurde er mit Ehrungen überhäuft, z.B. verlieh ihm der Kaiser den Titel "poeta laureatus" - (lorbeer-)gekrönter Dichter, mit dem u.a. auch Johann Heermann (Gemeindebrief März-Mai 2003) ausgezeichnet worden war. Dazu kamen bei Rist noch mehrere andere Titel sowie Mitgliedschaften in Orden und Sprachgesellschaften. Es erreichten ihn auch ehrenvolle Berufungen in große Kirchengemeinden und an Hochschulen. Johann Rist blieb aber in Wedel, seiner ersten und einzigen Gemeinde, der er 32 Jahre bis zu seinem Tode diente.
    Damit verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in und bei Hamburg, denn er wurde als Pfarrerssohn in Ottensen, heute Stadtteil der Hansestadt und nur 15 km von Wedel entfernt, geboren. In jungen Jahren ist er aber auch über diese engen Grenzen hinausgekommen, denn nach Schulbesuch in Hamburg und Bremen studierte er in Rinteln, Rostock, Leipzig, Utrecht und Leiden, zunächst Jura, doch schon bald wechselte er zur Theologie. Aber auch mit anderen Wissenschaften beschäftigte er sich, bevorzugt mit Medizin, Naturwissenschaften und Mathematik. Nach Ende des Studiums, vor Berufung in besagte einzige Pfarrstelle, war Rist drei Jahre in Heide (Holstein) tätig, wo er auch seine Frau kennen lernte.
    In Wedel wirkte er mit großer Hingabe nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Arzt und Apotheker. Im geräumigen Pfarrhaus hatte er neben der reichhaltigen Apotheke noch einen Raum mit Gerätschaften zur Herstellung von Arzneien. Im großen Garten um das Haus wuchsen Blumen und Kräuter, besonders auch Heilkräuter, sowie Büsche und Bäume, unter denen Johann Rist oft dichtend umherging. In den letzten fünf Jahren des Dreißigjährigen Krieges, von dem Rist und seine Gemeinde bis dahin weitgehend verschont geblieben waren, wurde der schöne Garten zweimal von durchziehenden Truppen verwüstet. Auch wurde das Pfarrhaus geplündert.
    Johann Rist war als 21jähriger Student an der Pest erkrankt, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Aus seinem weiteren Leben wird nichts von Krankheiten berichtet, auch nichts von der Ursache seines Sterbens in 1667.

    Der Schlussvers seines bekannten Adventsliedes sei noch angefügt:






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    Johannes Bugenhagen
    (24.06.1485 - 20.04.1558)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 8 (September - November 2004), von Walter Löber aus Balhorn


    In den Gesprächen in unserer Gemeinde über die Finanzierung der neuen Orgel wurde u.a. der Johannes-Bugenhagen-Verein erwähnt, der eine Spende von 3000,- € zugesagt hat. Dadurch erinnerte ich mich daran, dass ich in meiner Jugend von Johannes Bugenhagen gelesen hatte, der nach dem genauen Studium einer ihm zufällig in die Hände gefallenen Schrift seines Zeitgenossen Martin Luther dessen Erkenntnis teilte und sein Anhänger wurde. Das gab mir jetzt den Anstoß, Leben und Wirken dieses Mannes zu erkunden und dar-über zu berichten.

    Die vorgenannte Begebenheit soll sich 1520 im Pfarrhaus von Treptow (Pommern) zugetragen haben, wird aber von einigen Chronisten und Biografen bestritten. Wie dem auch sei, Bugenhagen wurde jedenfalls durch Luthers Schriften dazu bewegt, 1521 im Alter von 36 Jahren in Wittenberg ein Theologiestudium zu beginnen und dafür auf Amt und Einkommen zu verzichten. Als Sohn eines Ratsherrn in Wollin (Pommern) geboren, war er im Januar 1502 zum Studium nach Greifswald gekommen, um sich für den angestrebten Beruf eines Lehrers vorzubereiten. Nach kurzer Tätigkeit als Lehrer an der Stadtschule in Treptow war er, kaum 20jährig, zum Rektor derselben ernannt worden. Er muss neben seiner schulischen Arbeit ein intensives theologisches Selbststudium betrieben haben, denn er war schon 1509 zum Priester geweiht worden und schon vor seiner Kenntnisnahme von Luthers Schriften durch Veröffentlichungen, Vorträge und auch Predigten bekannt geworden. Auf dem Rand eines Predigtmanuskriptes fand sich die später geschriebene Notiz: "Diese Predigt habe ich, Johannes Bugenhagen, vor den Klerikern in Belbuck gehalten. Damals war ich ein Jüngling und noch ein Papist (= Anhänger des Papsttums, Anm. Red.). Das Volk lief zum Ablass herbei. Hier mag man sehen, wie gern ich damals ein Christ habe sein wollen, aber es war noch die Zeit des Irrtums."

    Schon nach kurzer Zeit des Studierens in Wittenberg wurde aus dem Lernenden ein Lehrender, denn Bugenhagen begann schon bald mit Auslegungen der Psalmen, zunächst privat bei sich zuhause vor einem kleinen Kreis, dann wegen des großen Interesses auf Drängen Melanchthons in öffentlichen Vorträgen, bald danach mit einem ordentlichen Lehrauftrag der Universität, mit der er zeitlebens in Verbindung bleiben sollte.

    Bugenhagen wurde schon seit seiner Ankunft in Wittenberg von Melanchthon, bei dem er wohnte, und auch von Luther, den er noch kurz vor dessen Abrei-se zum Reichstag nach Worms persönlich kennen lernte, anerkannt und geschätzt. 1523 wurde er auf Betreiben Luthers zum Stadtpfarrer von Wittenberg berufen, unter anderem, um Bugenhagen, der im Jahr zuvor geheiratet hatte, ein ausreichendes Einkommen zu gewährleisten. Seine vielseitige Begabung für Seelsorge, Leitung und kirchliche Organisation und besonders auch für seine Lehrtätigkeit im Fach Exegese (Wissenschaft von der Bibelauslegung) verschafften ihm ein breites Tätigkeitsfeld. Er richtete den täglichen (!) Predigtgottesdienst ein, ordnete die Seelsorge an Armen und Gefangenen und verkündigte in der Predigt die evangelische Heilslehre. Bugenhagen segnete Luthers Ehe ein, wurde sein Beichtvater und konnte dem Reformator in mancher Anfechtung und innerer Bedrängnis Trost zusprechen und Beistand leisten. Er gehörte auch zum Kreis der Helfer bei der Bibelübersetzung.

    Weil Bugenhagen offensichtlich mehr als andere dazu befähigt war, fiel ihm die Aufgabe zu, in der entstehenden Kirche der Reformation für Kirchenordnungen zu sorgen. Ich schreibe bewusst in der Mehrzahl, denn er passte sein Ordnungswerk, ohne die biblisch-theologischen Grundlagen anzutasten, den lokalen, geschichtlich gewachsenen Gegebenheiten an. Das geschah meistens "vor Ort", denn ab 1528 war er oft lange fort von Wittenberg, wo ihn Luther in Gemeinde und Universität vertrat. Er besuchte, manchmal von seiner Familie begleitet, Städte und Landschaften im evangelischen nördlichen Deutschland, wohin er vom jeweiligen Stadtoberhaupt oder Landesherrn gerufen worden war. Auch Dänemark sowie, weil unter dänischer Herrschaft stehend, Norwegen und Schleswig-Holstein wurden von Bugenhagen auf Bitten des dänischen Königs bereist, um auch dort die Kirche zu reformieren und zu organisieren. Eine Berufung an die Universität in Kopenhagen nahm er nicht an, wie er auch schon vorher auf ihm angetragene Bischofsämter in Cammin und in Schleswig verzichtet hatte.

    Er sah seine Lebensaufgabe letztendlich doch in Wittenberg. An den Dänenkönig schrieb er u.a.: "Ich komme nimmer aus dieser Stadt. Hie predige ich, lese Lectionen in der Schulen, schreibe, richte Kirchsachen aus, examiniere, ordiniere und sende viele Prediger aus, bete mit unserer Kirchen und befehle alles dem himmlischen Vater im namen unseres HERRN Jesu Christ."

    An Luthers Sterbebett konnte er nicht anwesend sein, er hielt aber die Grabrede. Er selbst konnte noch bis 1557 in seinen Ämtern dem Herrn dienen, dann zwang ihn die zunehmende Schwachheit des Alters zur Aufgabe. Er starb ein Jahr später und wurde in der Stadtkirche in Wittenberg beigesetzt.

    Um auf den Anfang dieses Berichts zurückzukommen: In unserer Schwestergemeinde, der Dreieinigkeitsgemeinde in Hamburg, wo ein Verein zur Verwaltung und Verteilung von Spenden für kirchliche Projekte entstand, erinnerte man sich des Wittenberger Mitreformators und seiner Verdienste um die Kirchenordnung in Hamburg und machte ihn zum Namensgeber. Zum Schluss sei noch Johannes Bugenhagens Losung aufgeführt, uns allen zur Beherzigung:

    Wollen wir Christen sein, so müssen wir das mit der Frucht beweisen!






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    Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf
    (26.05.1700 - 09.05.1760)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 7 (Juni - August 2004), von Walter Löber aus Balhorn


    Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf Das Lied "Jesu geh' voran" wurde (und wird?) oft bei Trauungen gesungen und ist eines der wenigen in unser Gesangbuch aufgenommenen Lieder Zinzendorfs, deren Gesamtzahl mit über 2000 angegeben wird. Aber trotz seines umfangreichen dichterischen Schaffens verbindet man mit dem Na-men Zinzendorf doch eher die Begriffe Herrnhut und Brüdergemeine. Die Böhmisch-mährischen Brüder (ihre Geschichte und ihr Schicksal 200 Jahre zuvor sind in der Lebensbeschreibung von Michael Weiße im vorigen Ge-meindebrief kurz aufgezeigt) hatten immer wieder unter Drangsalierung und Verfolgung durch Staat und katholische Kirche zu leiden. So kam es, dass 1722 einer von ihnen, der Zimmermann Christian David, der später als Missionar bekannt werden sollte, bei Zinzendorf erschien und um Asyl für Glaubensflüchtlinge bat. Sie konnten sich dann am Hutberg ansiedeln, der zum Gut Berthelsdorf, nördlich von Zittau, Oberlausitz, gehörte, das er kurz vorher, jung verheiratet, erworben hatte. Das war der Anfang der Herrnhuter Brüdergemeine.
    Zinzendorf, seit 1721 Hofrat in Dresden, wo auch sein Vater Minister gewe-sen war, der aber schon kurz nach der Geburt seines Sohnes 38-jährig starb, war nach der Wiederheirat seiner Mutter bei seiner Großmutter, der Landvögtin von Gersdorf, aufgewachsen. Sie war eine vielseitig gebildete fromme Frau, dem Pietismus zugeneigt. Ihr Enkel war dann ab 1710 Schüler am "Pädagogium" August Hermann Franckes in Halle gewesen und hatte dort 1716 die Hochschulreife erlangt. Entgegen seinem Wunsch, in Halle Theologie zu studieren, war er von seinem Vormund, einem Pietismus-Verächter, zum Jurastudium in Wittenberg gedrängt worden. Doch hatte er sich privat sehr intensiv mit Theologie, besonders den Schriften Martin Lu-thers, beschäftigt.
    Zinzendorf nahm die ständig wachsende Gemeinde unter seine Obhut. Bis 1727 übte er noch seine Tätigkeit in Dresden aus, dann schied er aus dem Staatsdienst, um sich Herrnhut und der Brüdergemeine mit ganzer Kraft als "bevollmächtigter Diener" zu widmen. Er gab ihr eine Ordnung, u.a. war der Tagesablauf geregelt. Der Tag wurde mit einem gemeinsamen Morgense-gen angefangen und mit einer Singstunde beendet. Am Abend des 3. Mai 1728 gab Zinzendorf am Ende der Singstunde den Versammelten einen will-kürlich ausgesuchten Bibelspruch und eine Liedstrophe mit auf den Weg und empfahl ihnen, sich am nächsten Tag unter diese Worte zu stellen. Solches geschah von nun an jeden Abend. Den nicht anwesenden wurden die Worte am Morgen ins Haus gerufen. So begann die Geschichte der täglichen Lo-sungen der Brüdergemeine. Um es auch den nicht in Herrnhut wohnenden Brüdern und Schwestern zu ermöglichen, täglich das ausgesuchte Wort zu lesen und zu bedenken, legte Zinzendorf die Losungen für 1731 schon im voraus fest, ließ sie drucken und gab sie als Büchlein heraus. Das Losungs-büchlein ist von da an regelmäßig erschienen, die diesjährige Ausgabe ist als die 274. bezeichnet.
    Schon zur Zeit der ersten Christen konnte eine lebendige Gemeinde das Evangelium von Jesus Christus nicht für sich behalten, sondern fühlte sich gedrängt, die frohe Botschaft weiterzusagen. So begannen auch die Herrn-huter Brüder mit der Ausbreitung des Reiches Gottes. Den Anfang machten sie 1732 auf der Insel St. Thomas im Karibischen Meer, weil von da erschre-ckende Kunde über die Lebensverhältnisse der dort lebenden Neger ge-kommen war. Weitere Missionsziele waren dann u.a. in Nordamerika (India-ner), auf Grönland und im südwestlichen Afrika. Zinzendorf besuchte später auch einige der Missionsgebiete und unternahm viele Reisen innerhalb Eu-ropas, um neu entstandene und entstehende Gemeinden zu unterstützen.
    Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf war, besonders in seinen jungen Jah-ren, mit seiner Sicht der Dinge, Glaube und Lehre betreffend, ganz und gar nicht unumstritten. Seine "Blut- und Wundentheologie" war geprägt von einer äußerst schwärmerischen Liebe zu Jesus. In den meisten seiner Lieder fin-det man diese Gefühlsseligkeit und Überladenheit. Aus diesem Grunde sind von der großen Menge seiner Lieder nur wenige bei uns bekannt, außer im Gesangbuch sind noch einige in der Missionsharfe. Mit zunehmendem Alter änderte sich Zinzendorfs Einstellung etwas und bei einer Neuauflage (nach 1743) des Herrnhuter Gesangbuches entfernte er viele der manchmal gar als "anstößig" empfundenen Lieder.
    Zinzendorf, der Jurist, der sich ein reiches theologisches Wissen im Selbst-studium angeeignet hatte, legte 1734 vor einem Pastorenkollegium in Stral-sund ein "Rechtsgläubigkeitsexamen" ab und bekam von der theologischen Fakultät in Tübingen die Doktorwürde verliehen. Die Tübinger Professoren hatten schon 1733 nach strenger Prüfung festgestellt, dass Herrnhut "in Kir-chenzucht und Gemeindeverfassung im Rahmen der lutherischen Kirche geblieben" sei. Trotzdem musste Zinzendorf 1736 "wegen Zweifels an seiner Rechtgläubigkeit" das Kurfürstentum Sachsen verlassen. Er zog mit seiner Familie auf die thüringische Ronneburg, war aber, wie schon erwähnt, in den folgenden Jahren meistens auf Reisen. 1747 durfte er wieder nach Sachsen einreisen. Etwa ab 1750 zog er sich etwas zurück, er wollte nicht mehr an vorderster Front stehen. Er starb 1760 nach einem unruhevollen und doch begnadeten Leben, das noch nicht einmal die vom Psalmisten genannte Zeitspanne währte und doch diese Lebensbeschreibung einen nicht üblichen Umfang erreichen ließ, wobei noch vieles unerwähnt blieb.






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    Michael Weiße
    (geb. um 1488, gest. 19.03.1534)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 6 (März - Mai 2004), von Walter Löber aus Balhorn


    In diesem Gemeindebrief finden wir im Gottesdienstplan auch die Gottesdienste des Osterfestes und der nachösterlichen Zeit. Mindestens einmal, vielleicht auch öfter, wird dann an den Liedertafeln in unserem Gotteshaus die Nr. 79 zu lesen sein. "Gelobt sei Gott im höchsten Thron" ist bei uns wohl eines der bekanntesten und am meisten gesungenen Osterlieder und zugleich das bekannteste der zehn in unserem Gesangbuch zu findenden Lieder des (von Luther so bezeichneten) "trefflichen deutschen Poeten" Michael Weiße.
    Er hatte 1531 das erste Gesangbuch für die deutschen Gemeinden unter den Böhmisch-mährischen Brüdern herausgegeben. Es enthielt 157 Lieder und war zu dieser Zeit das umfangreichste deutschsprachige evangelische Gesangbuch. Mehr als 130 Lieder stammten von ihm, ein Teil davon war entstanden durch Übersetzung und Bearbeitung alter lateinischer Gesänge und auch einiger tschechischer Lieder.
    Michael Weiße war 1518 aus dem Kloster in Breslau geflohen, weil ihm die falschen Lehren der Kirche und die Missstände in derselben immer mehr bewusst geworden waren. Ähnliches hatte Martin Luther schon etwas früher erlebt und darauf reagiert, unter anderem mit den bekannten 95 Thesen, deren Veröffentlichung jetzt noch nicht ein Jahr zurücklag. Michael Weiße ging nach Leitomischl in Böhmen und wurde von den Böhmischen Brüdern aufgenommen. Hier fand er seine geistliche Heimat. Diese Gemeinschaft hatte mehrere Wurzeln.
    Zum einen waren es die Reste der Hussiten, d.h. der Anhänger von Jahannes Hus, der bekanntermaßen als Priester in Böhmen, wie über 100 Jahre später Martin Luther in Deutschland, den Ablasshandel und andere kirchliche Missstände lautstark anprangerte und deshalb 1415 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannt wurde.
    Zum zweiten gehörten dazu eingewanderte Waldenser, Angehörige jener Bewegung, deren Ursprung und Name auf den 1217 gestorbenen, aus Lyon stammenden Petrus Waldus zurückgeht, der, wie einst die Apostel, Heimat und Besitz zurückließ, als Wanderprediger Gottes Wort klar und unverfälscht verkündigte und für ein Leben in Armut und Nächstenliebe eintrat und durch sein Beispiel andere dazu veranlasste, es ihm gleichzutun.
    Im 15. Jahrhundert hatten sich dann aus Unzufriedenheit mit den kirchlichen Zuständen viele Christen in Böhmen und Mähren, sowohl Priester als auch Laien, die nicht zu Hussiten oder Waldensern gehörten, mit diesen zu den "Böhmisch-mährischen Brüdern" zusammengeschlossen. Die "Brüderkirche", diese Bezeichnung ist auch zu finden, genoss staatliche Anerkennung und Duldung, bis ihr solches im Jahre 1508 entzogen wurde und nur der zu dieser Zeit noch mächtige böhmische Adel, der ihr zum größten Teil angehörte, ihr Überleben sicherte.
    Solcherart waren die Verhältnisse, die Michael Weiße 1518 bei seiner Ankunft in Böhmen vorfand. Er genoss bald großes Ansehen und Vertrauen, wirkte als Lehrer und Prediger, reiste in den Jahren 1522-24 mehrere Male mit dem Bischof der Brüderkirche nach Wittenberg zu Gesprächen mit Martin Luther über Fragen schriftgemäßen Glaubens und Lebens.1531 wurde er zum Priester geweiht und als Seelsorger der Gemeinden Landskron und Fulnek eingeführt, die er schon seit 1522 betreut hatte. Er wurde dann auch bald in den "Engen Rat", das Leitungsgremium der Brüderkirche gewählt.
    Das Bedeutendste für seine Kirche und die Nachwelt war jedoch sein Wirken als Liederdichter und Gesangbuch-Herausgeber. Sein anfangs erwähntes Gesangbuch von 1531 erschien noch in vielen weiteren Auflagen und fand weit über die Brüderkirche hinaus Verwendung. Michael Weiße erlebte die starke Verbreitung seines Buches nicht mehr. Er, der 1488 im schlesischen Neiße geboren war, kam 1534 auf tragische Weise ums Leben. Nach einem Mahl, zu dem der adlige Gönner der Gemeinde, Adalbert von Pernstein zu Landskron, Michael Weiße und den katholischen Priester der Stadt eingeladen hatte, starben alle drei Männer infolge des Genusses von Wolfsfleisch. Zum Schluss sei noch ein Liedvers von Michael Weiße angefügt:

    O Gott, nimm an zu Lob und Dank,
    was wir einfältig singen,
    und gib dein Wort mit freiem Klang,
    lass's durch die Herzen dringen.
    O hilf, dass wir mit deiner Kraft
    durch recht geistliche Ritterschaft
    des Lebens Kron' erringen.






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    Johann Friedrich Oberlin
    (31. August 1740 - 1. Juni 1826)

    aus dem Gemeindebrief Nr. 5 (Dezember 2003 - Februar 2004), von Walter Löber aus Balhorn


    "Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt." Über dieses Pauluswort aus dem Römerbrief predigte Johann Friedrich Oberlin in seinen Gemeinden wieder und wieder, sodass die Menschen im Steintal im Elsaß glaubten, dieser Bibelvers sei für sie geschrieben. Doch auch ihr Seelsorger war alles andere als "träge". Rastlos war er in seinem Diaspora-Pfarrbezirk am Westrand der Vogesen be-müht, den Menschen in geistlicher und leiblicher Not zu helfen. Als er 27jährig dem Ruf in dieses Amt folgte, bekam Oberlin schon auf der Hinreise einen Vorgeschmack dessen, was ihn dort erwartete. Von Straßburg aus war er mit dem Pferdewagen nach Rothau, einem Städtchen nördlich des Steintales, ge-bracht worden. Nach Waldersbach, seinem zukünftigen Wohn-ort, gab es keinen befahrbaren Weg. Einige Gemeindeglieder waren ihm entgegengegangen, nahmen sein Gepäck und trugen es kilometerweit zu seinem Pfarrhaus.
    Diese Schwierigkeiten ließen Oberlin erkennen, wie wichtig gute Wege für das Zueinanderkommen der Menschen sind, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. So begann er bald nach seiner Ankunft mit einem umfangreichen Wegebauprogramm. Nicht nur Planung und Leitung lagen bei ihm, er besorgte den Männern seiner Gemeinden auch das nötige Handwerkszeug aus Straßburg und griff selbst zur Hacke. Doch nicht nur Wege wurden gebaut. Die Häuser in den Dörfern des Steintals waren klein und ärmlich und meist in schlechtem Zustand. So regte Oberlin auch die Renovierung alter und den Bau neuer Häuser an.
    Die Armut im Steintal hatte ihre Ursache in den geringen Erträ-gen der Landwirtschaft, die die einzige Einnahmequelle bildete. Durch Beschaffung von besserem Saatgut und Zuchtvieh und die Vermittlung neuer Erkenntnisse über Bodenbearbeitung und Düngung bewirkte Oberlin auch hier einen Wandel. Reichte es bisher kaum für den Eigenbedarf, so konnten jetzt zunehmend landwirtschaftliche Erzeugnisse in Straßburg verkauft werden. Oberlin setzte sich für die Ausbildung von Handwerkern ein, um die wirtschaftliche Situation in seinen Gemeinden zu verbes-sern. Er gründete auch eine "Leihkasse" und gab damit den Familien die Möglichkeit der kostengünstigen Finanzierung ihrer Vorhaben. Große Unterstützung erfuhr Oberlin durch einen gebefreudigen Freundeskreis in Straßburg, seiner Vaterstadt.
    Hier war er geboren und aufgewachsen, hier hatte er die Schule besucht und Theologie studiert, wozu er sich schon früh berufen gefühlt hatte. In Straßburg war er dann auch als Hauslehrer in der Familie des damals berühmten Arztes Dr. Ziegenhagen tätig, wo er pädagogische Erfahrungen sammeln und sich medizinische Kenntnisse aneignen konnte. Im Steintal konnte er beides anwenden. Das Schulwesen lag dort sehr im Argen. Oberlin unterzog es einer tiefgreifenden Reform, stellte Lehrpläne auf und bemühte sich, gute Lehrer in das Tal zu bekommen und in den Menschen das Interesse an guter Schulbildung ihrer Kinder zu wecken. Nach Jahren und Jahrzehnten hatte der Unterricht bezüglich Qualität und Beteiligung einen Standard erreicht, wie er anderswo erst nach Einführung der Schulpflicht zu finden war.
    Alle hier genannten und nicht genannten von Oberlin geleiste-ten Arbeiten und Dienste müsste man eigentlich als "berufs-fremde Tätigkeiten" eines Pfarrers bezeichnen, doch er sah jede Arbeit und jede Hilfe als Seelsorge an. Er war aber auch treu und unermüdlich in der Erfüllung der "eigentlichen" Pflichten eines Pfarrers. Er hielt viele Gottesdienste in den drei Kirchen seines Pfarrbezirks, predigte eindringlich und machte viele Besuche bei den weit verstreut lebenden Gliedern seiner Gemeinden. Täglich betete er inbrünstig für die ihm anver-trauten Menschen und hielt diese zum Gebet an.
    Als bei zunehmendem Alter seine Kräfte nachließen, übernahm sein Schwiegersohn das Amt. Er aber blieb dort wohnen. Wenn er den Enkeln der von ihm in seiner Anfangszeit eingeschulten Kinder von den Verhältnissen erzählte, die er vorgefunden hatte, mochte man es ihm kaum glauben. Er starb 86jährig und ein schier endloser Trauerzug folgte seinem Sarge.






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    Valerius Herberger
    (21. April 1562 - 18. Mai 1627)

    aus dem Gemeindebrief September - November 2003, von Walter Löber, Balhorn


    "Valet will ich dir geben", so singen wir auf Beerdigungen und manchmal auch in einem Gottesdienst am Ende des Kirchenjahres. Zunächst macht das Anfangswort stutzig: "Valet", was, wie man weiß, mit "Abschied" oder "Lebewohl" übersetzt werden kann, begegnet uns nur in diesem Lied und kommt in unserem Sprachschatz nicht vor. Vor 390 Jahren hingegen war jenes Wort wohl auch dem "gemeinen Volke" geläufig. Daher konnte der Pfarrer Valerius Herberger, für seine Gelehrtheit ebenso bekannt wie für seine volkstümliche Ausdrucksweise, mit diesem Wort sein Sterbelied beginnen, die einzige von ihm in unserem Gesangbuch verzeichnete Dichtung. Dieses Lied entstand im Pestjahr 1613, wohl angesichts der vielen in Herbergers Gemeinde an der Seuche Verstorbenen, und wurde wie folgt beschrieben: "Ein andächtiges Gebet, damit die evangelische Bürgerschaft zu Fraustadt anno 1613 im Herbst Gott dem Herren das Herz erweicht hat, dass er seine scharfe Zornrute, unter welcher bei zweitausend Menschen schlafen gegangen sind, in Gnaden niedergelegt hat, sowohl ein tröstlicher Gesang, darinnen ein frommes Herz dieser Welt Valet gibt, beides gestellt durch Valerius Herberger, Prediger beim Kripplein Jesu." In unserem Gesangbuch fällt bei Nr. 318 auf, dass bei der ersten Strophe die vier ersten Buchstaben und bei den weiteren Strophen die Anfangsbuchstaben fett gedruckt sind. Aneinander gereiht ergeben sie Herbergers Vornamen Valerius (V=U). Vielleicht kann man da einen Zusammenhang mit dem Beginn der letzten Strophe sehen. (Schreib meinen Nam aufs Beste………).
    Mit dem erwähnten "Kripplein Jesu" hatte es folgende Bewandtnis: In Fraustadt, zwischen Posen und Liegnitz gelegen, damals polnisch, danach zeitweise deutsch, heute (natürlich) wieder polnisch, wo man sich frühzeitig Luthers Lehre geöffnet hatte, erlebte Herberger im Zuge der Gegenreformation ähnliches wie ein Jahrhundert später Benjamin Schmolck in Schweidnitz (Gemeindebrief Juni-August 2002): 1604 wurden die Fraustädter dazu verurteilt, ihre altehrwürdige Kirche St. Marien den wenigen Katholiken der Stadt innerhalb eines Vierteljahres zu überlassen. Sie erhielten aber die Erlaubnis zum Bau eines eigenen Gotteshauses. In der Kürze der Zeit war ein Neubau kaum zu erstellen. Zur Freude Herbergers und seiner Gemeinde ergab sich die Möglichkeit, zwei nebeneinander stehende Häuser zu erwerben und daraus einen Betsaal zu zimmern. Dieser war erst notdürftig fertiggestellt, als am Heiligen Abend die Stadtkirche von den Katholiken in Besitz genommen wurde. In der Nacht um drei Uhr fand dann die berühmte Christmette mit Namensgebung der Notkirche statt. Herberger hatte zunächst vorgehabt, sie "des Herren Christi Herberge" zu nennen, wegen seines eigenen Namens aber davon Abstand genommen und nannte das Gotteshaus "Kripplein Jesu".
    Valerius Herberger hatte zu diesem Zeitpunkt den Fraustädtern schon 20 Jahre gedient, zunächst sechs Jahre als Lehrer, danach als Pfarrer. In Fraustadt war er auch geboren. Sein Vater, ein Kürschner, hatte ihn schon bald als zukünftigen Pfarrer gesehen, starb aber, als sein Sohn vier Jahre alt war. Diesem wurde es, nach anfänglicher Not in der Familie, dann doch ermöglicht, die Schule zu durchlaufen und in Frankfurt/Oder und Leipzig zu studieren.
    Seine Heimatgemeinde war dann seine einzige Pfarrstelle. Hier musste er sonntags dreimal predigen, dazu noch an einigen Werktagen. Er tat dies gern und mit Freuden, ja, "die Predigt war seines Herzens Lust", wie es einmal über ihn geschrieben wurde. Wegen der Schlichtheit der Sprache und der Klarheit der Gedanken wurde er gern gehört, und weil er Jesus stets in den Mittelpunkt stellte, wurde er bald mit großer Hochachtung der "Jesusprediger" genannt. Seine Feinde hingegen gaben ihm den Spottnamen "der kleine Luther", woraus später ein Ehrenname wurde. Herberger wurde über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus bekannt und erhielt ehrenvolle Berufungen an größere Kirchen, die er aber alle ablehnte, um weiter seiner Gemeinde in Fraustadt zu dienen.
    Das anfangs erwähnte Pestjahr 1613 war für ihn sicher das schwerste Jahr in seinem Leben als Seelsorger. Unzählige Male musste er an Kranken- und Sterbebetten stehen und dann wieder, ein Sterbelied singend, allein dem Leichenwagen ("Pestkarren") auf dem Wege zum Friedhof vorangehen. Im Gegensatz zu Valerius Herberger trauten sich die noch gesunden Menschen aus Angst vor Ansteckung nicht aus ihren Häusern. Er aber blieb trotz ständiger Kontakte mit Kranken von der Seuche verschont.
    Nach der Epidemie konnte er noch gut 13 Jahre in Fraustadt im Segen wirken. Als er im Alter von 65 Jahren, nach einem Schlaganfall, sein Ende nahen fühlte, ließ er die Ratsherren der Stadt an sein Sterbebett kommen, um mahnend zu ihnen zu sprechen:






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    Philipp Nicolai
    (10.08.1556 - 26.10.1608)

    aus dem Gemeindebrief Juni - August 2003, von Walter Löber, Balhorn


    Der Dichter der Lieder "Wie schön leuchtet der Morgenstern" und "Wachet auf, ruft uns die Stimme" wurde unweit von uns in Mengeringhausen geboren. Sein Vater, der dortige Pfarrer Dietrich Nicolai, hatte sich in seiner vorigen Pfarrstelle in Herdecke/Ruhr noch zu Luthers Lebzeiten (1543) dessen Lehre zugewandt. Er predigte in diesem Glauben und verweigerte beim Abendmahl den Laien nicht länger den Kelch. Doch in der Gemeinde behielten die Gegner der Reformation schließlich die Oberhand und Dietrich Nicolai wurde vertrieben. Nach Jahren ohne Amt wurde er 1552 vom Grafen von Waldeck mit der Pfarrstelle in Mengeringhausen betraut, wo 1556 Philipp Nicolai als drittes Kind geboren wurde. Er sollte, wie seine Brüder, nach dem Willen des Vaters "Prediger werden, geweiht dem lieben Gott und seiner Kirche zu einem nützlichen Manne". Unter einem "nützlichen Manne" verstand der Vater wohl weniger einen, der Frieden und Versöhnung predigt, als vielmehr einen Kämpfer gegen Katholizismus und Calvinismus. Für Philipp Nicolai sollte sich dieser Wunsch des Vaters später zur Genüge erfüllen.
    Nach wechselvoller Schulzeit in Rhoden, Kassel, Hildesheim, Dortmund, Mühlhausen/Thüringen und Korbach studierte er Theologie in Erfurt und Wittenberg, kehrte, noch ohne Amt, in die waldeckische Heimat zurück, zog zusammen mit seinem Bruder in das benachbarte leer stehende Kloster Volkhardinghausen ein, um in der Stille weiterhin in der Heiligen Schrift zu lesen und darin zu forschen; hin und wieder half er seinem Vater in Mengeringhausen. 1583 erhielt Philipp Nicolai dann seine erste Pfarrstelle ausgerechnet in Herdecke/Ruhr, von wo sein Vater vor Jahrzehnten vertrieben worden war. Auch er musste sich dem Kampf mit der im Westfälischen so starken katholischen Kirche stellen. Als im Frühjahr 1586 spanische Truppen in Westfalen einfielen, musste er fliehen, konnte aber bald wieder zurückkehren, doch hatte sein inzwischen katholisch gewordener Amtskollege die Messe wieder eingeführt. 1587 musste er, wie einst sein Vater, von hier weichen.
    Opferbereit um des Glaubens willen, diente er nun unter schwierigen Bedingungen der evangelischen Untergrundgemeinde in Köln, bis ihn 1588 das Fürstenhaus seines Heimatlandes auf die Pfarrstelle in Altwildungen berief und ihn zugleich mit der Erziehung des jungen Grafen Wilhelm Ernst betraute.
    Die folgenden Jahre im Leben Nicolais waren neben der Wahrnehmung seiner Aufgaben geprägt durch das Verfassen von Streitschriften zum einen gegen den Katholizismus, zum anderen gegen den Calvinismus. Er war hart und kompromisslos, sowohl in seinen Schriften als auch in einer Amtsführung. So verweigerte er dem angesehenen Kanzleirat des Grafen das heilige Abendmahl, weil er ihn für einen heimlichen Calvinisten hielt. Wegen seines unermüdlichen kämpferischen Einsatzes für die lutherische Sache wurde er 1596 nach Unna berufen, wo die römische Kirche immer noch ihr Recht auf die Stadt geltend machte, während Lutheraner und aus Holland eingewanderte Reformierte um die geistige Vorherrschaft stritten. Hier wusste sich Philipp Nicolai am rechten Platz.
    Doch bald musste er Glaubenskampf und Kirchenstreit ruhen lassen, denn 1597/98 wurde Unna von der Pest heimgesucht. 1400 Menschen starben in der Stadt. Nach dem Abklingen der Epidemie schrieb er in einem Brief an seinen Bruder in Mengeringhausen, den Nachfolger des Vaters: ".... Die Pest hat zu wüten aufgehört, und durch Gottes Gnade bin ich recht wohl. Während der ganzen Zeit der Pest habe ich aber unter Hintansetzung aller Streitigkeiten mit Gebeten hingebracht und mit dem löblichen Nachdenken über das ewige Leben und den Zustand der teuren Seelen im himmlischen Paradiese vor dem Jüngsten Tage. ....."
    In Weiterführung dieser Gedanken schrieb er den "Freudenspiegel des ewigen Lebens", ein Buch, in dem man erkennen kann, wie Nicolai erfüllt war von himmlischer Sehnsucht und brennender Liebe zu Jesus, der uns unsere Seligkeit erworben hat. Im Anhang der ersten Auflage befanden sich u.a. die zwei uns bekannten Lieder Nikolais, die im Gedankengut des "Freudenspiegel" wurzeln und Kostbarkeiten des evangelischen Liedguts sind. "Wie schön leuchtet der Morgenstern", in unserem Gesangbuch unter "Epiphanias" zu finden, kann man mit Fug und Recht als Liebeslied bezeichnen. Es ist im renitenten Gesangbuch unter "Liebe zu Jesu" eingeordnet. Nicolai hat es wie folgt überschrieben: "Ein geistlich Brautlied der gläubigen Seelen von Jesu Christo, ihrem himmlischen Bräutigam; gestellet über den 45. Psalm." Allerdings erkennt man diesen Psalm nur einige Male andeutungsweise im Lied. Dem Lied "Wachet auf, ruft uns die Stimme" hatte Nicolai die Überschrift gegeben: "Ein anders von der Stimm zu Mitternacht und von den klugen Jungfrauen, die ihrem himmlischen Bräutigam begegnen, Matth. 25". Als einzige von ihm bekannte musikalische Schöpfungen hat Nicolai die Melodien zu seinen Texten komponiert. Beide Lieder beeindrucken durch Bildhaftigkeit und Ausdruckskraft, bei beiden findet man einen poetischen und musikalischen Schwung, wie er vorher, in der Reformationszeit, noch fremd war.
    Nach ereignisreichen Jahren in Unna nahm Philipp Nicolai 1601 einen Ruf an die Katharinenkirche in Hamburg an und lehnte Angebote der Universitäten in Rostock, Greifswald und Wittenberg ab. In der Hansestadt konnte er noch sieben Jahre segensreich wirken. Zwar musste er auch wieder Streitschriften verfassen, doch wurden auch viele seiner in überfüllten Gottesdiensten gehaltenen Predigten gedruckt und verbreitet. Er starb im Alter von 52 Jahren, vier Tage nach einem Schlaganfall. Sein Lieblingswort wurde sein Leichentext:
    Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen ihnen nach.






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    Johann Heermann
    (11.10.1585 - 17.02.1647)

    aus dem Gemeindebrief März - Mai 2003, von Walter Löber, Balhorn


    "Der bedeutendste Liederdichter zwischen Luther und Paul Gerhardt", so wird Johann Heermann unter Nr. 96 im "Verzeichnis der Verfasser der Texte und Melodien" in unserem Gesangbuch bezeichnet, in welchem wir 16 seiner Lieder finden. Wegen dieser großen Zahl verzichte ich darauf, sie hier alle zu nennen oder sie gar noch einzeln zu kommentieren.
    Wer war nun Joh. Heermann? Schon seit seiner Geburt als Sohn eines armen Kürschners in Raudten (zwischen Breslau und Glogau) ist er schwächlich und kränklich, mehrere Geschwister sind bereits gestorben. Seine Mutter soll gelobt haben: "Wenn Gott mir den Knaben lässt, will ich ihn zum Studieren halten, auch wenn ich mir das Geld dazu erbetteln müsste". Mit 12 Jahren kommt er zur damals üblichen "Lateinschule" in der Kreisstadt Wohlau und verdient sich nebenher seinen Lebensunterhalt als "Knecht für niedere Hausdienste" in einer Apotheke. Wenig später muss er malariakrank dies alles abbrechen und ins Elternhaus zurückkehren.
    Die weitere Schulbildung wird nun bestimmt durch seinen wechselnden Gesundheitszustand und die finanziellen Möglichkeiten seiner Eltern. Mit 17 Jahren kommt er nach Fraustadt ins Pfarrhaus zu Valerius Herberger, um zum einen als Schreibgehilfe u. a. dessen Manuskripte druckfertig zu machen, zum anderen als Lehrer für Herbergers Sohn. Joh. Heermann ist tief beeindruckt von Herbergers Herzensfrömmigkeit und Jesusverehrung und auch dessen Lied "Valet will ich dir geben" hat Heermanns späteres Dichten mit geprägt.
    Im Jahr darauf besucht er das Elisabeth-Gymnasium in Breslau, ein weiteres Jahr später die fürstliche Schule in Brieg. Hier betätigt er sich, schon während seiner Schulzeit und dann auch danach, als Privatlehrer der Söhne dort ansässiger Adelsfamilien. Nebenher schreibt er u. a. kunstvolle lateinische Glückwunsch- und Beileidsgedichte, was ihm Zugang zu den gebildeten Kreisen verschafft und ihm schließlich 1608 eine damals übliche Auszeichnung, die Ernennung zum kaiserlichen Poeta laureatus (= lorbeerbekränzter Dichter) beschert. 1609 führt ihn eine etwa einjährige Bildungsreise, als Begleiter seiner Zöglinge und zu eigenen Studien, über mehrere deutsche Universitätsstädte bis nach Straßburg. Ein Augenleiden zwingt ihn zum vorzeitigen Abbruch und zur Aufgabe weiterer Reisepläne.

    1611 wird er nach in Brieg erfolgter Ordination zum Pfarrer in Köben im heimatlichen Niederschlesien berufen. Es folgen wenige glückliche und schaffensfrohe Jahre, bis 1616 eine Feuerbrunst den größten Teil des Städtchens zerstört und 1617 seine Frau stirbt, die aus seinem Geburtsort stammte und mit der er 1612 die Hochzeit auf dem Köbener Schloss gefeiert hatte. Die Ehe war kinderlos geblieben, aber nach baldiger Wiederverheiratung werden Johann Heermann Kinder geboren, während sich bei ihm allerlei körperliche Gebrechen verschiedenster Art einstellen. Diese und der jetzt beginnende Dreißigjährige Krieg machen Joh. Heermanns zweite Lebenshälfte zu einer langen Leidenszeit.
    Zunächst sind wohl die Schrecken des Krieges das größere Übel. Immer wieder ziehen kaiserliche Truppen ver-schiedenster Herkunft gewalttätig und plündernd durch das Land. 1629 kommen Liechtensteinische Dragoner, um die Evangelischen zur katholischen Kirche zu zwingen. Es kommt zu einer Glaubensverfolgung schlimmsten Ausmaßes. Johann Heermann flieht und hält sich 17 Monate im unwegsamen Gelände der Oderniederung verborgen. Zu allem Elend bricht 1631 auch noch die Pest aus und rafft die Hälfte der Gemeindeglieder dahin.
    Joh. Heermanns Gesundheitszustand verschlechtert sich bis 1634 so weit, dass er keinen Gottesdienst mehr halten kann. Er muss sich durch Kandidaten und Lektoren vertreten lassen, die seine Predigten verlesen. 1639 scheidet er dann schweren Herzens von seiner Gemeinde und wohnt dann im nicht allzu weit entfernten, schon damals polnischen, Lissa. Wegen seiner Leiden kann er oft weder sitzen noch liegen und verbringt viele Stunden stehend an die Wand gelehnt. Wenn es seine Kräfte erlauben, befasst er sich mit seinen Werken (ca. 400 Lieder, mehrere Predigtjahrgänge, Ansprachen zu Taufe, Trauung und Beerdigung, Passionsandachten u.a.m.), an denen er hier und da feilt und verbessert, Ergänzungen anbringt und von denen er Neuauflagen vorbereitet.
    Ein weiterer schwerer Schlag für Johann Heermann ist die Absicht seines das Breslauer Gymnasium besuchenden ältesten Sohnes, unter dem Einfluss der dort missionierenden Jesuiten zur katholischen Kirche überzutreten. Dazu kommt es dann doch nicht. Wenige Jahre später stirbt der Sohn als 22jähriger Student. Sein Vater ist zu schwach, um ihn zu Grabe zu geleiten. Johann Heermann überlebt seinen Sohn noch vier schmerzensreiche Jahre und wird 62jährig von seinem schweren Leiden erlöst. Mit folgendem Liedvers bittet der "schlesische Hiob" um stetes Bereitsein, und wir sollten uns seiner Bitte anschließen:






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    August Hermann Francke
    (12.03.1663 - 08.06.1727)

    aus dem Gemeindebrief Dezember 2002 - Februar 2003, von Walter Löber, Balhorn


    August Hermann Francke, der Gründer der nach ihm benannten Anstalten in Halle, wurde als Sohn eines Justizrates in Lübeck geboren. Der Vater wurde bald darauf nach Gotha berufen, starb aber als sein Sohn fünf Jahre alt war. Dessen Kindheit war geprägt durch das christliche Leben seiner Familie, besonders eine ältere Schwester war ihm Beispiel und Hilfe. August Hermann besuchte das damals hoch angesehene Gothaer Gymnasium, welches er schon mit 15 Jahren mit dem Zeugnis der Universitätsreife verließ. Von seiner Familie konnte er keine finanzielle Unterstützung erwarten und war in den nächsten Jahren auf Stipendien angewiesen, um studieren zu können. Neben der Theologie beschäftigte er sich besonders mit Hebräisch. Daher wurde er 1684 als Professor für hebräische Sprache an die Universität Leipzig berufen. Daneben betrieb Francke weiter seine theologischen Studien und erlebte bei einem Studienaufenthalt in Lüneburg bei der Vorbereitung einer Predigt über Joh. 20, 31 zunächst eine Glaubenskrise, worauf im Gebet dann die Glaubensgewissheit folgte. Sein eigener Bericht hierüber ist nach dieser Lebensbeschreibung abgedruckt.
    In den folgenden Jahren war August Hermann Francke noch an mehreren Orten, meistens jeweils nur kurze Zeit, als Lehrender und Seelsorger tätig, bis er im Jahre 1691 als Professor an die neugegründete Universität in Halle berufen und zugleich zum Pfarrer der Gemeinde in Glaucha, vor den Toren der Stadt, bestellt wurde. Damit war er an den Ort gekommen, wo sein Lebenswerk entstehen und wachsen sollte.
    Es war hier üblich, dass die Armen der Stadt an bestimmten Tagen in den Häusern der wohlhabenderen Bürger um Almosen bitten durften. Als Francke zu seinem Leidwesen feststellen musste, dass die Almosenempfänger nie zum Gottesdienst kamen und ihre Kinder keine Schule besuchten, "erfasste ihn ein heiliger Zorn, dass so viel Volk wie das Vieh ohne jeden Umgang mit Gott und göttlichen Dingen dahinleben musste und so viele Kinder in schandbarer Unwissenheit und ohne Erziehung aufwuchsen". Es lag ihm nun sehr am Herzen, hier eine Änderung herbeizuführen. Er gründete und betrieb, zunächst nur in kleinstem Rahmen in seinem Pfarrhaus, mit Hilfe von Studenten eine Armenschule. Er konnte sie bald vergrößern, dazu ein Waisenhaus einrichten. Weil seine Schule schon nach kurzer Zeit einen guten Ruf hatte, wurden auch aus dem Bürgertum die Kinder zu ihm geschickt, was zur Folge hatte, dass er von diesen Kreisen stärker finanziell unterstützt wurde. Betrieb Francke am Anfang nur mit Studenten seine Schule, so konnte er nun auch Lehrer zur Mitarbeit gewinnen. Er gründete dann noch ein Gymnasium und eine Schule zur Vorbereitung der Ausbildung zum Lehrer.
    Die Zahl der Waisenkinder und Schüler in den Anstalten wuchs stetig. Um den gestiegenen Raumbedarf zu decken, hatte Francke in den ersten Jahren angrenzende Häuser erwerben können. Im Jahre 1698 begann er mit Hilfe von Freunden und Förderern mit dem Bau eines großen Gebäudes, das später als Haupthaus bezeichnet wurde. Ab 1709 wurden dann noch weitere Häuser gebaut.
    30 Jahre nach den ersten Anfängen wurden 2200 Schüler von 167 Lehrern unterrichtet. 154 Waisenkinder hatten hier ihre Heimat und 250 Studenten, die nebenher in den verschiedenen Bereichen mitarbeiteten, hatten ihren Freitisch.
    Zu der "Stadt in der Stadt" gehörten auch noch die 1710 gegründete Cansteinsche Bibelanstalt (Frhr. V. Canstein war ein großer Förderer des gesamten Werkes) und eine Druckerei, beide mit dem Ziel, Bibeln und sonstige christliche Literatur der ärmeren Bevölkerung zugänglich zu machen.
    August Hermann Francke hatte sein Amt als Seelsorger der Gemeinde Glaucha im Jahre 1700 abgegeben, Theologieprofessor an der Universität blieb er aber weiterhin. Viele Pfarrer und Missionare in aller Welt waren seine Studenten gewesen. Franke hat auch viele kleine Schriften verfasst, die zum großen Teil an zukünftige Pfarrer gerichtet waren. Nach einem von tätiger Nächstenliebe erfüllten Leben starb er im Alter von 64 Jahren.
    Der Wahlspruch seines Lebens steht am Giebel seines Waisenhauses: "Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft".








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    Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt
    (19.08.1637 - 03.12.1706)

    aus dem Gemeindebrief September - November 2002, von Walter Löber, Balhorn


    Ämilie Juliane von Schwarzberg-Rudolstadt

    Die Dichterin der Lieder "Wer weiß, wie nahe mir mein Ende" und "Bis hierher hat mich Gott gebracht" wurde als Flüchtlingskind auf der Heidecksburg bei Rudolstadt in Thüringen geboren. Ihre Eltern waren in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges von Barby/Elbe, zwischen Dessau und Magdeburg, hierher geflüchtet. Ihr Vater war der Graf von Barby, der gleichnamige Ort war der Stammsitz dieser Familie in der ebenfalls gleichnamigen Grafschaft. Auf der Heidecksburg, dem Zufluchtsort, residierte der Graf von Schwarzburg-Rudolstadt, ein Verwandter derer von Barby. Ämilie Juliane verlor mit vier Jahren ihren Vater, ein Jahr später ihre Mutter. Die Waise wurde auf der Heidecksburg als Pflegekind in die Familie aufgenommen. Sie wurde gemeinsam mit ihren Pflegegeschwistern erzogen und unterrichtet in "guten Disziplinen und heilsamen Wissenschaften, als der Rhetorica, Historia, Genealogia und so weiter; und brachtens in der Poesie soweit, dass sie gar fertig ein deutliches, reines und angenehmes Gedichte auf allerlei Fälle schon in der Jugend schreiben konnten..." (aus einer alten Lebensbeschreibung). In einem Brief ermahnte sie später ihre (jüngeren) Pflegeschwestern zu fleißigem Lernen, damit das Vorurteil, es seien die Weibsbilder zum Studieren keineswegs tüchtig", widerlegt werde.

    Die Pflegeeltern standen fest in ihrer lutherischen Kirche und strebten mit Kindern und Hausgenossen danach, im Alltag ein christliches Leben zu führen und besonders auch tätige Nächstenliebe zu üben, wozu es in der Kriegs- und Nachkriegszeit reichlich Gelegenheit gab.
    Ämilie Juliane heiratete 1665 ihren Pflegebruder Albert Anton, mittlerweile Reichsgraf von Schwarzburg-Rudolstadt, und wurde "Landesmutter". Sie konnte nun, wie einst ihre Pflegemutter, viel Gutes tun. Durch ihre Heirat war sie aber auch Schlossherrin auf der Heidecksburg geworden, was eine Fülle von Pflichten bedeutete. Sie musste dem großen Haushalt des Schloss- und Gutsbetriebes vorstehen. Nach einer von ihr erstellten Liste gehörten dazu 152 Personen. Ämilie Juliane lebte stets, wie schon in ihrer Jugend und wie sie es von ihren Pflegeeltern kannte, ihren Glauben auch im Alltag. Ihre handgeschriebenes Koch- und Haushaltungsbuch beginnt mit folgendem Vorwort:

    Von allen Dingen im Schlosshaushalt hat sie Verzeichnisse erstellt, so z. B. von der "Summa alles Bettwerghs". Jede einzelne der zahlreichen Listen ist überschrieben mit "Im Namen Jesu". Der gesamte umfangreiche schriftliche Nachlass der Schlossherrin befindet sich im Archiv der Heidecksburg. Man findet dort neben den vorgenannten Haushaltsangelegenheiten vor allem die von ihr verfassten Gedichte und Liedtexte, die in großer Zahl vorhanden sind, denn sie hat in ihrem ganzen Leben gedichtet. Außer den Liedern für jeden einzelnen Tag der Woche und für das Kirchenjahr hat sie über viele Dinge des täglichen Lebens ein Gedicht gemacht und dabei immer zum Ausdruck gebracht, dass Gott alles geschaffen hat und alles lenkt.
    In den zwei Liedern von ihr in unserem Gesangbuch kommt zum Ausdruck, dass Christi Blut unsere Hilfe und Rettung ist. In beiden Liedern kann man vielfach Bibelverse erkennen. In "Wer weiß, wie nahe..." z. B. Ps. 90, 12 "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen" in Strophe 3, Gal. 3, 27 "Denn wie viel euer auf Christum getauft sind, die haben Christum angesogen" in Strophe 5; in "Bisher hat mich..." finden wir 1. Sam. 7, 12 b "Bis hierher hat uns der Herr geholfen".

    Ämilie Juliane hat in ihrem Leben auch Trauer und Leid erfahren müssen. So starben ihre von ihr sehr geliebten Pflegeschwestern (und dann auch Schwägerinnen) alle drei schon früh 1672. Von ihren zwei Kindern starb die Tochter schon als Kleinkind. Ämilie Juliane hatte aber später auch die Freude, acht Enkelkinder heranwachsen zu sehen. Nachdem sie seit etwa der Mitte ihrer Lebenszeit, zuerst weniger, dann häufiger, immer wieder von Krankheiten und Gebrechen heimgesucht worden war, starb sie im Alter von 69 Jahren während ihrer Sterbegebetsstunde, die sie seit einiger Zeit täglich hielt. Ihr von ihr selbst gewählter Leichentext war Phil. 1, 21:
    "Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn."






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    Benjamin Schmolck
    (21.12.1672 - 12.02.1737)

    aus dem Gemeindebrief Juni - August 2002, von Walter Löber, Balhorn


    Benjamin Schmolck

    "Liebster Jesu, wir sind hier, deinem Worte nachzuleben", so wird bei (fast) allen Taufen in unserer Gemeinde gesungen. Es ist wohl das z. Zt. bei uns am häufigsten gesungene der Lieder Benjamin Schmolcks, von denen wir sieben in unserem Gesangbuch haben und sechs weitere im 1904 erschienenen "Gesangbuch für die Renitente Kirche" zu finden sind. Benjamin Schmolcks gesamtes dichterisches Schaffen umfasst 1188 Lieder! Diese Menge ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Dichten seine "Nebentätigkeit" war; sie scheint fast unglaublich, wenn man die Arbeitsbelastung in seinem Pfarramt betrachtet, wie sie in der folgenden Lebensbeschreibung erkennbar wird.

    Benjamin Schmolck wurde 1672 in Brauchitschdorf im Fürstentum Liegnitz (Schlesien) als Pfarrerssohn geboren. Nach seiner Schulzeit, in der er sich seinen Unterhalt mit Nachhilfeunterricht verdienen musste, konnte er mit einem Stipendium des Patronatsherren seines Vaters in Leipzig Theologie studieren. Nach Abschluss seines Studiums 1697 kam er zur Unterstützung seines Vaters in seine Heimatgemeinde, wurde 1701 in Liegnitz ordiniert und wurde schon als der Nachfolger seines Vaters angesehen, als er 1702 an die Friedenskirche in Schweidnitz, ebenfalls in Schlesien, berufen wurde. An dieser Stelle muss man sich nun mit der damaligen kirchlichen Situation dortzulande befassen. Schlesien, politisch in viele Fürstentümer innerhalb des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" aufgeteilt, gehörte zu den Gebieten, in denen Luthers Lehre bald angenommen worden war. Die schon wenige Jahrzehnte nach der Reformation beginnende Gegenreformation erreichte in Schlesien hundert Jahre später ihren Höhepunkt. Verschont blieben, wegen der festen evangelischen Gesinnung ihrer Regenten, nur drei Fürstentümer, darunter Liegnitz, die Heimat Schmolcks. So hatten hier sein Vater und er als dessen Helfer ungehindert ihren Dienst tun können. Im übrigen Lande wirkten oder, besser gesagt, wüteten zu dieser Zeit die Jesuiten als Werkzeuge der Gegenreformation. Sie vertrieben mit kaiserlicher Billigung die Evangelischen aus ihren Gotteshäusern und brachten diese in den Besitz der Römischen Kirche, obwohl oft nur wenige Katholiken in der Stadt oder Ortschaft lebten. Später durften die Evangelischen dann, mit reichlich verzögerter Auslegung der Bestimmungen des Westfälischen Friedens, in einigen wenigen Städten eine "Friedenskirche" bauen. Diese musste außerhalb der Stadtmauern ohne Turm und Glocken nur aus Holz und Lehm errichtet werden. In Schweidnitz, wo den Evangelischen elf größere und kleinere Gotteshäuser genommen worden waren, befand sich eine der Friedenskirchen. Nur e i n Pfarrer, unterstützt von zwei Vikaren, durfte hier Dienst tun.

    Das waren die Umstände, unter denen Benjamin Schmolck sein Amt antrat. Er fand ein Übermaß an Arbeit vor. Sein Pfarrbezirk zählte 14000 Seelen, die sich auf die Stadt und 16 Dörfer verteilten. Die Arbeit war nicht nur, gelinde gesagt, sehr umfangreich, sondern sie musste auch unter erschwerten Bedingungen getan werden. So mussten die Seelsorger für jeden Gang nach draußen in den großen Amtsbezirk um Erlaubnis bitten, die nicht immer erteilt wurde. Obrigkeit und katholische Geistlichkeit machten Pfarrern und Gemeinden das Leben schwer, Jesuiten und Dominikaner taten sich dabei besonders schwer. Benjamin Schmolck ließ sich nicht erbittern und suchte mit den Bedrängern in Güte auszukommen.

    Dass er bei dieser körperlichen, geistigen und seelischen Belastung die schon erwähnten 1188 Lieder dichten konnte, möchte man fast nicht für möglich halten.

    Bei der Betrachtung seiner Lieder in unserem Gesangbuch fällt auf, dass unter allen Liedern zur Jahreswende nur Schmolcks "Jesus soll die Losung sein" sich auf die Namensgebung Jesu bezieht. Während das anfangs angeführte Tauflied sowie die Lieder "Tut mir auf die schöne Pforte" und "Schmückt das Fest mit Maien" bei uns schon immer gesungen wurden, müssen wir, meine ich, die Lieder "Hosianna! Davids Sohn" und "Halleluja, Jesus lebt" und vor allem die, wie ich finde, ansprechende Dichtung "Herr, höre, Herr, erhöre" bei uns noch bekannter werden lassen.

    Benjamin Schmolck blieb in Schweidnitz. Mit den Jahren und Jahrzehnten machten Veränderungen der politischen Verhältnisse sein Leben und Pfarrdienst etwas weniger beschwerlich. 1730 erlitt er einen Schlaganfall, der ihn rechtsseitig lähmte. Durch eine Kur wurde er wieder soweit hergestellt, dass er im Amt bleiben konnte. Er war aber nicht mehr fähig zu schreiben und musste seine Lieder diktieren. Ein zweiter Schlaganfall im November 1735 führte zur Erblindung und zum langsamen Schwinden seiner Kräfte und zum ruhigen, sanften Tod im Februar 1737.

    Eine Strophe von ihm aus einem uns unbekanntem Lied, handelnd von der Vergänglichkeit menschlichen Lebens, mit Aufforderung zu stetem Bereitsein, sei noch angefügt:

    Ich sterbe täglich, und mein Leben
    Eilt immerfort zum Grabe hin.
    Wer kann mir einen Bürgen geben,
    ob ich noch morgen lebend bin?
    Die Zeit geht hin, der Tod kommt her;
    Ach wer nur immer fertig wär!





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    Philipp Melanchthon - der Lehrer Deutschlands

    von Walter Löber, Balhorn

    Philipp Melanchthon

    "Die doctores in Tübingen sind alle zusammen nicht so gescheit, daß sie begreifen können, wie groß seine Gelehrsamkeit ist."
    Diese Worte eines seiner Tübinger Lehrer, 1518 gesprochen, kennzeichnen die zumindest von einem Teil der damaligen Gelehrtenschaft erkannte hohe Intelligenz und wissenschaftliche Kompetenz des damals 21jährigen jungen Mannes, dessen 500.Geburtstag wir in diesem Jahr gedenken konnten.

    Philipp Melanchthon hatte bis 1518 drei Jahre in Heidelberg und sechs Jahre in Tübingen studiert. Er besuchte Vorlesungen in Mathematik und Astronomie, betrieb mit Leidenschaft philosophische und philologische Studien, befaßte sich mit Medizin und Rechtswissenschaft und gab sich auch der Theologie, wie es heißt, "mit besonderem Eifer" hin.
    In diesem Jahr 1518 wurde Melanchthons Weg in eine für sein Leben entscheidende Richtung gelenkt. Er wurde als Professor für Griechisch an der Universität Wittenberg berufen. Martin Luther, selbst seit 1512 Professor in Wittenberg, hörte Melanchthons Antrittsrede, war davon tief beeindruckt und erkannte sofort die große Begabung des jungen Gelehrten.
    Neben seiner Lehrtätigkeit studierte Melanchthon, wie damals bei jungen Professoren üblich, noch weiter. Er wählte Theologie und wurde Luthers Schüler. Bald schon hielt er vielbesuchte Vorlesungen, z.B. über den Römerbrief und die Psalmen. Er warf sich, wie er schrieb, "mit wunderbarem Genuß" auf die theologische Arbeit. In dieser Zeit begann die bis heute weltweit wirksame gesegnete Zusammenarbeit mit Luther, die erst dessen Tod beendete.
    Schon 1519 war Melanchthon beim Leipziger Disput zwischen Luther und Karlstadt auf der einen und Johannes Eck auf der anderen Seite zugegen. Nach "unbestätigten Berichten" wie man heute sagen würde, hat Melanchthon dabei Luther mit Zetteln versorgt, um ihm neue Gedankengänge zu eröffnen.

    Als Luther 1521 zum Reichstag nach Worms abreiste, trug er seinem in Wittenberg zurückbleibenden Freund auf: "Komme ich nicht wieder und morden mich meine Feinde, so beschwöre ich dich, lieber Bruder, laß nicht ab, zu lehren und bei der Wahrheit zu beharren. Du kannst es besser machen als ich. An dir hat der Herr noch einen gelehrten Streiter." Während Luthers Abwesenheit brachte Melanchthon eine Schrift mit dem Titel "Theologische Grundbegriffe" heraus, die von der Fachwelt , insbesondere auch von Luther, hochgepriesen wurde. Dieses Werk ließ die Fülle und den Reichtum der theologischen Literatur erahnen, die aus Melanchthons Feder noch erwartet werden konnte.

    Bekanntlich kam Luther von Worms zunächst nicht nach Wittenberg zurück, sondern wurde zu seinem Schutze auf Veranlassung des Kurfürsten Friedrichs des Weisen auf die Wartburg gebracht. Das hier in die deutsche Sprache übertragene Neue Testament wurde von Melanchthon und Luther nach dessen Rückkehr nach Wittenberg (1522) noch einmal überarbeitet und auch bei der späteren Übersetzung des Alten Testaments war der "gelehrte" Sprachwissenschaftler Luthers unentbehrlicher Mitarbeiter.

    In den folgenden Jahren konnte sich die Reformation relativ ungestört entwickeln. Melanchthon widmete sich nun verstärkt der Neuordnung des Bildungswesens. Er war ja von Haus aus ein Gelehrter der "weltlichen" Wissenschaften und blieb es auch sein Leben lang. Schule und Hochschule wurden von ihm aus jahrhundertlanger Erstarrung gelöst, neue Universitäten wurden gegründet, in denen schon seine Schüler führende Ämter bekleideten. In dieser Zeit entstanden auch viele neue Schulen. Neben den bisher üblichen sogenannten Lateinschulen wurden nach Melanchthons Plänen eine neue Schulform begründet, die "obere" Gelehrtenschule, aus der sich das humanistische Gymnasium entwickeln sollte. Mit großem persönlichen Einsatz, verbunden mit vielen Reisen, hat Melanchthon seine Reformpläne umgesetzt. Seine Verdienste um das deutsche Schulwesen sind nicht hoch genug einzuschätzen.
    "Vater der christlich-abendländischen Bildung" wurde er einmal in unserem Jahrhundert genannt, viel bekannter ist aber die schon viel früher geprägte Titulierung "Lehrer Deutschlands".




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