Meine Gedanken zur Ökumene sind dem Thema der Koralle (Zeitschrift des Diakonisch-Missionarischen Frauendienstes in der SELK, Anm. der Red.) "Blickrichtung" verpflichtet und sollen ökumenische Erfahrungen unter diesem Gesichtspunkt entfalten.
Manfred Holst, August 2008
Erwartungen
Eine meiner ersten Erfahrungen in der ökumenischen Arbeit war eine Einladung zu einem Fest der Evangelischen Kirche im Ort. Ich hatte für diesen Anlass keine besondere Aufgabe. Aus diesem Grund hatte ich mich eher "zivil" angezogen, so dass nicht gleich erkennbar war, dass ich der Pastor der SELK bin.
Aber dann kam es wie es kommen musste. Einer der Grußwortredner zeigte auf mich und freute sich sichtlich, dass ich da war. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Mit diesem Wechsel der Blickrichtung hatte ich nicht gerechnet. Der Redner erinnerte an frühere Zeiten und schloss mit der Erwartung, dass die Kirchen eine gute Zusammenarbeit realisierten.
Später habe ich erlebt, wie die Menschen in dem Ort, in dem ich lebe, interessiert nachfragen und genau zuhören, wenn es um das ökumenische Verhältnis zu anderen Kirchen geht. Erwartungen von allen Seiten. Und es gab und gibt so verschiedene Blickrichtungen. Einer berichtet, wie ein Riss durch die Familie ging, weil die einen zur " Renitenz" und die anderen zur "Landeskirche" gehörten. Ein anderes Gespräch dreht sich darum, dass es immer wieder "Stress" auf allen Seiten gab, wenn man über die Kirchengrenzen hinweg heiratete. Kann man denn keine Frau aus der SELK finden? Muss denn der "Junge" zu den "Renitenten" gehen? Mir fällt auf, dass "ökumenische" Erinnerungen eher belastet sind und alte Verletzungen nachwirken. Der Blick in die Zukunft geht in eine klare Richtung, nämlich dahin, dass Kirchen und Christen ein gutes Verhältnis finden und leben. Erwartungen umgeben mich bis heute fast alle drehen sich darum, Gemeinsamkeiten zu betonen ohne den eigenen kirchlichen Weg zu verleugnen.
Pfarrer haben an dieser "Nahtstelle" eine besondere Position. Grenzen sie ihre Arbeit und Gemeinde zu stark von anderen Kirchen ab, entwickeln sich in der Gemeinde Ängste, ob es wieder so wird "wie früher". Geht ihr Pfarrer zu sehr auf in der Ökumene, entsteht die Frage, "was uns eigentlich noch unterscheidet?". Eine Gradwanderung im Feld der Erwartungen am besten ist diese Wanderung nicht allein zu bewältigen, sondern im Gespräch mit den Menschen, die mit mir in der Gemeinde leben.
Erfahrungen
Wenn ich über die Erfahrungen in der Ökumene nachdenke, fallen mir viele Situationen und Erlebnisse ein, die positiv sind. Es ist ein Segen, wenn Christen verschiedener Kirchen miteinander mit Achtung umgehen und sich freundlich begegnen. So ist es immer wieder schön, wenn sich die Chöre der verschiedenen Kirchen aus gegebenem Anlass zum gemeinsamen Gotteslob zusammentun.
Daneben gibt es aber auch die Erfahrungen, die mich nachdenklich stimmen.
Ich möchte sie so umschreiben. Wir haben in der Ökumene gelernt, offen und höflich miteinander zu reden. Aber diese Schicht der Freundlichkeit ist an manchen Stellen (noch) dünn. Es darf keine zu große Belastung auftreten, um nicht diesen Boden der Freundlichkeit unter den Füßen zu verlieren. Was meine ich? Für viele Christen anderer Kirchen ist es bis heute schwer zu verstehen und auszuhalten, dass die SELK offiziell Christen anderer Kirchen nicht zum Abendmahl einlädt. Das wird bis heute als Zurückweisung und als Ablehnung erlebt. Aber das ist nur die eine Seite. Auch Christen unserer Kirche denken mit "Schrecken" daran, wie Christen anderer Kirchen in ihrer Wahrnehmung "ausgeladen" oder vor der Konfirmation "abgefragt" wurden. Und selbst wenn heute viele Pfarrer und Kirchenvorstände unserer Kirche in dieser Frage einen "seelsorgerlichen" Umgang gefunden haben, stehen wir auf dünnem Boden. So kann es vorkommen, dass auf unserer Seite "schlecht" über andere Kirchen gesprochen wird nach dem Motto: "Schaut euch doch mal an, was alles dort gesagt und getan wird ... das ist doch keine Kirche mehr..."
Und auf der anderen Seite ist es nicht viel anders: "Was nimmt sich die SELK heraus? Wie selbstgefällig sind die da? .... Die meinen, sie seien die einzig selig machende Kirche...".
Beide Seiten stehen hier auf dünnem Boden. Vielleicht hilft es, den Boden zu verstärken, indem wir Luthers Erklärung zum achten Gebot auf unsere ökumenischen Beziehungen übertragen. Wir freuen uns doch auch, wenn Christen anderer Kirchen versuchen unsere Grundentscheidungen zu verstehen und gute Worte für uns haben.
Eine ältere Frau sagte mir einmal: "Oft wurde uns gesagt, nur so ist es richtig und wahr... und später war es dann doch anders. Ich denke, es steht uns gut an, etwas demütiger zu sein in Wahrheitsfragen und unsere Erkenntnis nicht wie einen kalten Waschlappen dem anderen ins Gesicht zu drücken". Eine gute Blickrichtung.
Ermutigendes
Einer der großen ökumenischen Erlebnisse für mich war das Jahr mit der Bibel. Vier Kirchen bereiteten eine Bibelwoche in der Kreisstadt vor. Es war eine große Woche, weil die beteiligten Kirchen sich auf ihre Grundlage, die Heilige Schrift, besonnen haben und für die Menschen der Stadt und Dörfer interessante und schöne Tage gestalteten. Es wurde gemeinsam gesungen, gebetet, nachgedacht und gelacht. Manche Bibelwochenbesucher sprachen mich an und sagten: "Das hätte man sich vor 20 Jahren nicht vorstellen können".
Ein anderes Beispiel, das ermutigt: Eine Christin im Ort lebt Ökumene ohne das jemals zu betonen. Sie besucht die alten und kranken Dorfbewohner, bringt ihnen etwas zum Lesen und Beten mit. Und dabei schaut sie nicht auf das "Parteibuch". Sie geht, wo die Türen offen sind und die Menschen sind dankbar für diesen Dienst.
Luther hat einmal gesagt: "Wenn du nicht verzweifelst, die Geduld nicht verlierst, wo steckt der Grund? In deiner Tugend? Gewiss nicht, sondern in der Gemeinschaft der Heiligen!"
Mir hilft ein letzter Blickwechsel beim Thema "Ökumene". Es ist der Blick auf Gott und seine Gegenwart. Es ist Gottes Geist, der unter uns wirkt und Gutes schafft in unserer Kirche - aber nicht nur bei uns. Es ist Gottes Geist, der uns an Christus und sein Wort bindet. Es ist Gottes Geist, der in uns beides groß macht, Gottes Wahrheit und Gottes Liebe.
Wertvolles
Häufiger habe ich es erlebt, dass mir Gemeindeglieder von ihrer Urlaubsreise erzählten. Sie berichteten von diesem und jenem. Aber dann kamen sie auch auf das Thema "Kirche" im Urlaub zu sprechen. Und oft sagten sie, was für sie in den Gottesdiensten an ihren Urlaubsorten fremd war. Sie seien froh, dass sie unsere Gottesdienste erleben können und in unserer Gemeinde leben. Und ich frage mich nach diesen Gesprächen, was ich an unserer Kirche so wertvoll finde. Ich denke, es kommt darauf an, eine positive Blickrichtung hinsichtlich unserer Kirche zu finden ohne immer wieder die Fehler anderer Kirchen "anzuprangern".
So möchte ich hier den Blickwinkel einnehmen, bei dem es darum geht, was unsere Kirche in der Ökumene einbringen kann und sie wertvoll macht. Wo liegen unsere Stärken ?
Sie liegen nicht darin, dass wir "besser" sind als andere Christen. Sie liegen darin, dass wir versuchen, unser kirchliches Leben zu konzentrieren und auszurichten auf die Mitte des Evangeliums. Immer wieder soll es im Gottesdienst und Gemeindeleben darum gehen: Um uns, den verlorenen Menschen und um dem helfenden und rettenden Gott. Immer wieder wollen wir eine bestimmte Blickrichtung einnehmen: nämlich, dass wir Menschen nicht anders am Heil Gottes Anteil haben als allein im Glauben an Jesus Christus. Und Glauben meint, nichts von sich selbst aber alles vom rettenden und rechtfertigenden Gott zu erwarten. Glauben verlässt sich selbst und findet sich und sein Leben bei und in Gott. Glaube lebt nicht aus sich selbst, sondern im Hören auf Gottes Wort. In seinem Wort für Verlorene ist zu finden, was uns Menschen zuversichtlich leben, vernünftig handeln und wenn es an der Zeit ist auch getrost sterben lässt.
Und wenn ich mich in unserer Kirche umschaue, Predigten höre, Texte lese, dann habe ich den Eindruck, dass das auch immer wieder in gut lutherischer Weise gelingt.
Wenn ich erlebe, dass viele Menschen gern in die Gottesdienste gehen, dass die Beichte gewollt wird, dass sich immer mehr Gemeindeglieder zum Abendmahl einladen lassen, dass Vorträge und Glaubenskurse besucht werden, dass Gemeindeaktivitäten für unsere Zeit neu durchdacht werden, dann bin ich dankbar dafür.
"Christen können zusammenarbeiten und tun es, wenn sie erkennen, dass sie alle unter einem Christus sind und streiten und Christus bekennen sollen' (Vorrede des Augsburger Bekenntnisses). Dabei ist und bleibt Einmütigkeit und Übereinstimmung in Bekenntnis, in Lehre und Praxis der Kirche das Ziel, auf das hin wir streben.
Vollständige Übereinstimmung in Lehre und Praxis kann aber nicht zur Voraussetzung für jedwede Form der Zusammenarbeit gemacht werden - sie würde sonst gar nicht zustande kommen. Vielmehr ist gemeinsames Handeln von Christen unterschiedlicher Konfessions- und Kirchenzugehörigkeit auch da möglich, wo solche vollständige Übereinstimmung noch nicht erreicht ist. Ist sie nur teilweise gegeben, so kann auch die Zusammenarbeit und gemeinsames Handeln nur begrenzt sein."
(aus: Ökumenische Verantwortung, Eine Handreichung für die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, 1994, S.28)
Zwei- bis dreimal im Jahr finden in Balhorn gemeinsame Gottesdienste statt. Aktuell wird in Altenstädt die ökumenische Arbeit intensiviert, da die Evangelische Gemeinde mit ihren Gottesdiensten vermutlich bis zum Frühjahr 2002 in unserer Kirche zu Gast sein wird.
Seit 1998/1999 Mitarbeit bei der
ökumenischen Notfallseelsorge im Wolfhager Land mit PfarrerInnen aus der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (unter dem Dach des Evangelischen Kirchenkreises Wolfhagen der Evangelischen Kirche).
2000/2001: Ökumenische Gesprächsabende zu verschiedenen kirchlichen Themen (Buße / Beichte / Taufe / Abendmahl), die von der Freien Evangelischen Gemeinde Ippinghausen, der Evangelischen Kirche, der Römisch-Katholischen Kirche und der SELK-Balhorn vorbereitet und durchgeführt wurden. Zu diesen Abenden wurden die Gemeindeglieder der verschiedenen Konfessionen zum Gespräch eingeladen.
2001: Ökumenische Gemeindewoche mit dem Evangelist der Evangelischen Kirche,
Axel Kühner.
Im Januar 2002 wird ein erstes ökumenisches Theologentreffen stattfinden. Bei diesem Treffen der "Experten" soll das theologische Fachgespräch im Vordergrund stehen und eine weitere ökumenische Gesprächsreihe vorbereitet werden.
Eine bewegte und eine bewegende Woche war das Anfang Oktober in Wolfhagen, als für sieben Tage die Bibel ganz im Mittelpunkt verschiedenster ökumenischer Veranstaltungen stand. Gerahmt und getragen von den beiden Sonntagsgottesdiensten (5.10. und 12.10.2003) gab es für Jung und Alt jeden Tag ganz Unterschiedliches in und um die Wolfhager Stadthalle zu hören und zu sehen, zu erleben und zu bedenken.
Auch unsere Gemeinden waren an dieser Bibelwoche beteiligt, zum BeispielDaneben und dabei waren noch unzählige Helfer auch aus unseren Gemeinden hier und dort aktiv, hinter und vor den Kulissen, in jedem Fall bemüht, die Bibelwoche gelingen zu lassen. Ein herzliches Dankeschön an alle, die während dieser Woche und schon lange im Vorfeld viel Zeit und Kraft investiert haben. Ich denke, es hat sich gelohnt!
Acht Tage Ökumenische Bibelwoche zum Thema "Die Bibel bewegt mich..." - Was ist durch sie in Bewegung geraten? Zunächst einmal haben sich Tag für Tag mehrere hundert Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Kirchen mit verschiedenen Frömmigkeitsformen bewegen lassen zusammenzukommen und sich gemeinsam von der Bibel bewegen zu lassen. Die Bibel hat Bewegung in die Nachmittage und Abende gebracht, hat zu Gesprächen angestiftet. Manche Beiträge mögen den einen oder die andere auch dazu bewegt haben, in der Bibel noch einmal nachzulesen, was sie während der Bibelwoche gehört haben. Biblische Lieder haben zum Mitsingen und Mitklatschen, zum Bewegen von Mund und Händen angeregt. Einige Gedanken aus der Bibelwoche werden Anstoß gewesen sein, um zu entdecken, wie die Bibel Bewegung - neue Perspektiven und neue Motivation - in den Alltag bringt.
"Die Bibel bewegt mich..." - auch, aber eben nicht nur in der Bibelwoche. Dass wir uns von der Bibel auch weiter jeden Tag neu bewegen lassen von A bis Z, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen, wünsche ich mir und uns.
Drei Gottesdienstbesucher hatten der Gemeinde der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) in Balhorn ein ganz besonderes Präsent mitgebracht: Dekan Dr. Gernot Gerlach (rechts), Pfarrerin Brigitte Engelhardt-Lenz (links) und Prädikant Günther Dreisbach (2. v. rechts) von der evangelischen Gemeinde in Wolfhagen hatten die drei Bände der "Wolfhager Bibel" mit im Gepäck.
In der "Wolfhager Bibel" haben im vergangenen Herbst rund 150 Christen aus der evangelischen Kirche und der römisch-katholischen Kirche in Wolfhagen, aus der Freien evangelischen Gemeinde in Ippinghausen und aus der SELK in Balhorn/Altenstädt die Bücher des Neuen Testaments und das Buch der Psalmen aus dem Alten Testament Seite für Seite und Wort für Wort abgeschrieben.
Nachdem die Bibel nun für drei Monate in der evangelischen Kirche in Wolfhagen im gottesdienstlichen Gebrauch war, werden von jetzt an für ein Vierteljahr die Lesungen in den Gottesdiensten der SELK in Balhorn aus dieser Bibel gehalten. Am 4. Juli 2004 wird sie dann an die römisch-katholische Gemeinde in Wolfhagen weitergegeben.
Herr Dreisbach betonte in seinem Grußwort die Ungebundenheit der Bibel, die nicht nur für eine Kirche gelte, sondern für alle Christen gleichermaßen das Fundament darstelle. Pfarrerin Engelhardt-Lenz verwies auf die für sie besonders wichtigen Worte in der Bibel zur Versöhnung durch Jesus Christus, mit denen die christlichen Kirchen in diesen Tagen in besonderer Weise leben. Dekan Dr. Gerlach berichtete von den Erfahrungen mit der "Wolfhager Bibel" in den letzten Monaten und erzählte von manch einem, der über die verschiedenen Handschriften in dieser Bibelabschrift einen neuen Zugang zu den Texten gewinnen konnte.
Superintendent Manfred Holst (SELK), der den Gottesdienst gemeinsam mit dem Jugendkreis seiner Gemeinde zum Thema "Versöhnung" gestaltete, dankte den Gästen aus Wolfhagen für ihr Kommen. Beim anschließenden "Kirchenkaffee" war Gelegenheit zum Gespräch, sodass auch in der persönlichen Begegnung die ökumenische Verbundenheit erlebt werden konnte.
(aus: HNA vom 08.04.2004, Text von Manfred Holst)